BERLIN (Theater des Westens):

„Annie get your gun“, Musical von Herbert und Dorothy Fields, Musik von Irving Berlin

Ein Jahr hatten die Auguren dem Musical „My Fair Lady“ in Berlin vorausgesagt. Es wurde im Theater des Westens 641mal gespielt, zwei Jahre lang. „Dem Hirtenmädchen Annie geben sie ein halbes Jahr. Rechnen wir also“, meint Die Welt, „auch hier getrost mit der doppelten Zeit.“ Der Premierenerfolg war durchschlagend. „Zum Premierenpublikum kann man sagen: Berlin macht sich!“ (Telegraf). Im Tagesspiegel wird sogar auf der ersten Zeitungsseite vom „Musical-Zentrum Berlin“ gesprochen: „Wenn man sich umschaut ...wer Berlin allenthalben auf angenehme Weise ins Gespräch bringt, ja gar den Anschluß an jenen legendären Glanz der zwanziger Jahre finden mag, da packt man vornehmlich den Musical-Schwung ... Das Publikum scheint schon den kühnen Griff des Talentsuchers Hans Wölffer gutzuheißen. Immerhin brachte er, ungerührt von Kassandra-Rufen, ein Schlagersternchen in einer Starrolle heraus“: die 21jährige Heidi Brühl. Sie ist „eine Oberraschung“ (Tagesspiegel),

Die Fabel? „Man muß sie mit der Lupe suchen ... Weniger denn wenig.“ Wildwest-Show mit historischen amerikanischen Figuren. Der Text „lehnt sich an das Schema der guten alten Operette an... Aber in der konventionellen Form steckt viel Amerikanisch-Ursprüngliches“. Über die Musik schreibt Werner Oehlmann: „Sie ist flüssig, elegant und, wo es sein muß, frech; sie usurpiert vom Jazz die Synkope und reserviert sich doch die Sicherheit des ‚geraden‘ Rhythmus ... Eine leise Enttäuschung: Sie vermag nicht, wie es eigentlich nötig wäre, mit wildwestlicher Elementarkraft zu überrumpeln ... Was in den vierziger Jahren faszinierte, hat heute schon einen leisen Beiklang von Vergangenheit.“ (Dieses Musical ist in New York 1946 uraufgeführt worden.) Franz Allers hat die Berliner Premiere dirigiert, Sven Aage Larsen inszeniert.

HAMBURG (Thalia-Theater):

„Die Ohren des Herrn Morose“ von Ellis Kaut

Ben Jonsons Komödie ist als „Die schweigsame Frau“ eine Oper von Richard Strauss geworden. Obwohl Stefan Zweig das Textbuch dazu geschrieben hat, verstimmt das Schindluder, das mit einem alten Kapitän getrieben wird, weil seine Lärmempfindlichkeit keine Marotte, sondern ein Leiden ist. Heute verdiente er Mitleid, nicht Spott. Für die Schwetzinger Festspiele 1963 hatte die Münchner Schriftstellerin Ellis Kaut den Barockstoff neu gefaßt. Das Hamburger Thalia-Theater eröffnete mit seiner Schwetzinger Festspielinszenierung von Dieter Reible die Saison auch im eigenen Haus. Willy Haas verteidigt nun in der Welt die originale „Epicoene“ des Barockmenschen und Barockdichters Ben Jonson gegen seine Bearbeiter: „Eine Mischung aus zarter Sophistik und Jungensfrechheit... wird als weit neuere und gröbere Verkleidungsburleske à la ‚Charleys Tante‘ gespielt... Auch der allegorische Schatten, den Ben Jonsons Komödie wirft, verschwindet hier im harten Scheinwerferlicht... Überhaupt ist nicht alles im Original so burlesk.“ In der Hauptrolle Willy Maertens: „typischer tragikomischer Charakterkopf ...“ Jac