Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschafts-Bundes, Ludwig Rosenberg, behauptete in einer Rede in Freising, die Wünsche der Gewerkschaft würden meist als verantwortungslos bezeichnet, während man „auch der unvernünftigsten Forderung der Landwirtschaft nachgebe“.

Es ist kaum zu glauben, wie vergiftet die Atmosphäre zwischen Stadt und Land ist. Vorurteile, Anschuldigungen, ja Haß auf beiden Seiten. Noch immer geistert durch die Phantasie der Städter der berühmte „Teppich im Kuhstall“, mit dem Neider in den Hungerjahren gern die Ausnahmesituation des Bauern charakterisierten. Die Bauern, nicht faul, behaupten, das Wirtschaftswunder der Industrie habe nur auf ihrem Rücken errichtet werden können.

Kann man den Bauern diese Emotionen verdenken? Die steigenden Kosten (ein 30-PS-Ackerschlepper kostete 1952 8300 DM 1962 aber bereits 10 700 DM) bei gleichzeitig sinkenden Agrarpreisen (1952 erbrachte 1 Tonne Weizen 442 DM, 1962 aber nur mehr 417 DM) führen ihnen den Ruin deutlich vor Augen.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages, Düren, meinte vor kurzem, 300 000 bis 400 000 Bauern reichten heute aus, um technisch die notwendige Produktion hervorzubringen– über 2 Millionen Bauern müßten eben in anderen Zweigen der Wirtschaft ihre Existenz finden. Über zwei Millionen Bauern sollen also ihr Bündel schnüren und in die Stadt ziehen? Wie hieß doch das häßliche Wort, mit dem man früher gern operierte: „Menschenmaterial“. Wenn man das Menschenmaterial in der Landwirtschaft nicht mehr brauchen kann, verlädt man es eben wie Zement oder Ziegelsteine und schafft es an einen anderen Ort.

Wie wohl die Bürokratie oder die Postangestellten oder die Einzelhändler reagieren würden, wenn jemand feststellte, dank der Automation sei es ausreichend, wenn ein Drittel von ihnen im alten Beruf verbliebe, die übrigen könnten ihren Ranzen packen, die Stadt verlassen und sich irgendwo auf dem Lande eine Existenz als Arbeiter suchen? Dff