Von Horst WeUerlin^

Ist zu erwarten, daß sie außer sich geraten, Feuer fangen, sich einen Ast lachen oder guter Dinge werden könnten, so tun sie alles: sie gehen ins Kino, lesen den Roman der Illustrierten, schalten das Fernsehgerät ein oder legen eine Schallplatte auf. Nur zugeben mag und darf es niemand.

Eingeschüchtert vom Verdikt kulturkritischer Konzilien, auf denen – dem Vanity Fair unserer Tage – sich prominente high brows unterhalten, wagen die Zeitgenossen kaum einzugestehen, daß auch sie nach Unterhaltung verlangen.

Sobald sie etwas von jenen Tagungen vernehmen, stets ist es die Diagnose, die „Vergnügungsindustrie“ erniedrige sie zu hilflosen Objekten zynischer Kalkulationen, unterwerfe sie einem „Entfremdungs- und Dirigierungsprozeß“ und reiße sie in den Sog perfektionierter Träume, so daß sie „sich selbst“ verlören.

Hierzulande gilt es als shocking, auf Unterhaltung oder gar Zerstreuung aus zu sein. Dennoch blüht der Weizen einschlägiger Gewerbe, jener „Industrie“ und des „show business“, so groß ist das Bedürfnis. Auch in unseren Breitengraden erliegen die Menschen dem „Konsumterror“. Aber statt des erstrebten „Genusses ohne Reue“ stellt sich ein schlechtes Gewissen ein-, so wirksam ist der Bann der „Gebildeten“.

Der „Gebildeten“ ... die noch immer zwischen dem „hohen, wahren, reinen und vollen Menschentum“ und denjenigen unterscheiden, die „leider“ – mit Wilhelm von Humboldts Worten – „ins Leben eintauchen müssen“, denen die Bewältigung der alltäglichen Pflichten nichts gilt gegenüber dem Studium der Antike, des Neuhumanismus, des ... (nach Belieben auszufüllen), die allein in einem Gehäuse „ihrer selbst“ inne werden, das von den Brandenburgischen Konzerten durchtönt, von Reproduktionen der Bilder Franz Marcs geziert und mit Versen vom „heilen Leben“ beschworen wird.

So mag niemand zugeben, daß er einen Gartenzwerg der Nike von Delos vorzieht, und niemand, daß ihm der Krimi „Der Feigling“ mehr Vergnügen bereitet als alle Prosa von Hans Carossa zusammengenommen. Und wagt es jemand, in einem der anspruchsvollen Filmklubs auszusprechen, daß ihn der Streifen „Ich denke oft an Piroschka“ erheitert habe, so fällt er für alle Zukunft allgemeiner Ächtung anheim. Dennoch blüht... siehe oben!