Die Ernüchterung, die sich schon vor Jahresfrist bei der Chemische Werke Hüls AG, Marl-Hüls, eingestellt hatte, als ein empfindlicher Umsatzrückgang den jahrelangen Höhenflug des Unternehmens jäh bremste, hielt auch im vergangenen Geschäftsjahr an. Zwar weist die Verwaltung darauf hin, daß Hüls im vergangenen Geschäftsjahr wiederum mit der allgemeinen Expansion der chemischen Industrie Schritt halten konnte. Der Mengenabsatz wurde in der Tat um 11,2 % gesteigert. Aber mit 651 (664,8) Mill. DM bleibt der Wertumsatz nochmals – und zwar um 2,1 % – unter der Vorjahrsmarke. Dennoch ist in dem Bericht der Hüls-Chemie nicht ohne Zufriedenheit von einer „guten Mengenkonjunktur“ die Rede. Die Absatzsteigerung ist das wesentliche Merkmal der Marktentwicklung im vergangenen Jahre. Dennoch bleiben die zum Teil erheblichen Erlösrückgänge natürlich Schönheitsfehler.

Die Hüls-Verwaltung führt diese Entwicklung, die der Ausdruck einer scharfen Konkurrenzsituation ist, auf Überkapazitäten in Teilbereichen der Chemie zurück sowie auf verstärkte Bemühungen der ausländischen Erzeuger um die Verbrauchszentren im EWG-Raum. Durch im Berichtsjahr eingetretene Preisnachlässe sei der Gesellschaft ein rechnerischer Verlust von immerhin 75 Mill. DM entstanden, hieß es in einer Pressekonferenz zum Jahresabschluß. Aber da der Umsatzrückgang schließlich auf knapp 14 Mill. DM beschränkt blieb, hat die besagte Mengenkonjunktur in der Tat einen weitgehenden Ausgleich gebracht. Besonders wird hervorgehoben, daß die dynamische Entwicklung der Kunststoffe und Kunststoffhilfsprodukte weiter anhielt. Die Hüls-Produkte Vestolit (Polyvinylchlorid) und Vestolen (Niederdruckpolyäthylen) erfreuten sich der besonderen Gunst der Verbraucher. Auch bei den Waschrohstoffen und den Vorprodukten für Textilhilfsmittel verzeichnet die Gesellschaft eine „erfreuliche Umsatzsteigerung“.

In der Investitionspolitik des Unternehmens stehen diese Sparten im Vordergrund. Die Polyäthylenkapazität wird stark erweitert, von bisher 500 t je Monat auf 1300 t. Ende 1966 wird die Vestan-Faseranlage mit zunächst 5000 bis 6000 Jahrestonnen anlaufen, für die Hüls rund 50 Mill. DM aufwenden wird. Die Werbung für die neue Faser soll schon im Herbst anlaufen. Im Zusammenhang mit der im Spätsommer in Betrieb gehenden Butadien-Anlage berichtet die Hüls-Chemie, daß sie einen neuen Synthesekautschuk Buna CB auf den Markt bringen will, dessen Eigenschaften – wie die Verwaltung betont – eine „weitere Lücke zwischen Natur- und Synthesekautschuk schließen sollen“.

Im Berichtsjahre hat die Gesellschaft 78,6 Mill. DM investiert, diese Summe wird sich im laufenden Jahr ungefähr in der gleichen Größenordnung bewegen. Zur Finanzierung der Investitionen hat Hüls im Dezember vergangenen Jahres von dem genehmigten Kapital Gebrauch gemacht und das Grundkapital von 180 auf 200 Mill. DM erhöht. Den drei Aktionären der Gesellschaft – die Chemie-Verwaltungs-AG, Frankfurt (50 %), die Hibernia AG, Herne (25 %) und die Steinkohlenverwertungsgesellschaft mbH (25 %) – wurden die jungen Aktien zu 225 % angeboten; sie haben sich im Verhältnis ihrer bisherigen Beteiligung an der Aufstockung beteiligt. Den theoretischen Börsenkurs der Hüls-Aktie errechnet die Verwaltung an Hand des Kurses ihres Großaktionärs Chemie-Verwaltung mit 430 bis 440 %.

Für die Chemische Hüls bedeutet die vorgenommene Kapitalaufstockung gleichzeitig, daß der Dividendenbetrag im laufenden Jahre steigen wird, will man die Ausschüttung nicht kürzen. Im Berichtsjahre werden wiederum – in angemessenem Abstand zu den großen Farbennachfolgern – 17 % Dividende verteilt. Der Dividendenbetrag von 30,6 Mill. DM wird sich also – bei konstanter Verzinsung – um 3,6 Mill. DM erhöhen müssen. Darüber hinaus sind auch noch höhere Lohnkosten – in der Pressekonferenz wurde der in 1963 hieraus zu erwartende Mehraufwand auf 8 Mill. DM beziffert – und eine noch nicht genau ermittelte Summe, die aus einem Betriebsunglück resultiert, zu erwirtschaften. Das wird nicht ganz einfach sein; aber dennoch ist die Verwaltung voller Hoffnung. Der Vorstand bezeichnet die Nachfrage nach fast allen Produkten der Hüls-Skala sowie den Auftragseingang als ausgesprochen gut. nmn