Von Senator Helmut Schmidt

Heinz Pächter: „Chruschtschow, Kennedy Castro – die Oktober-Krise 1962 und ihre Folgen“; Kiepenheuer & Witsch; 208 S., 18,80 DM.

Heinz Pächter, seit vielen Jahren Korrespondent in Amerika, hat einen sicheren Blick und verfügt über mancherlei Information aus dem inneren Kreis der Mächtigen. Schon wegen der Darstellung des tatsächlichen Ablaufes der Krise um Kuba, besonders der vielfach entscheidend wichtigen Einzelheiten, ist sein Buch lesenswert. Und auch, wer der im zweiten Teil folgenden Darstellung der Beweggründe der Handelnden, der Deutung des zukünftigen Verlaufs und schließlich den von Pächter aufgestellten „Regeln der polarisierten Koexistenz“ nur teilweise zustimmen kann, wird diese Hälfte des Buche; gleichwohl mit Gewinn lesen. Immerhin wird hier der umfassende Versuch gemacht, aus dem Handlungsablauf im Oktober 1962 Schlüsse für die Gesamtlage der Weltpolitik zu ziehen – einschließlich der Berliner und der deutschen Frage

Ein mit sowjetischen Atomraketen bestücktes Kuba hätte Moskau als Tauschgegenstand für Berlin anbieten können. Wenn Washington die kubanische Flankenbedrohung hingenommen hätte, so wäre ein neues Ultimatum wegen Berlin wohl bald gefolgt. Ein militärischer Angriff Amerikas auf Kuba aber hätte auch zu Maßnahmen gegen Berlin führen können, wenn nicht sogar zum großen Kriege. Die selektive Seeblockade, zu der Washington sich statt dessen entschloß, „war gerade noch stark genug, um der Macht Amerikas treffenden Ausdurck zu verleihen, aber sie war noch milde genug, um der Gegenseite den Rückweg offen zu halten“.

Es ist für zukünftige Krisen bedeutsam, wie weit nach Pächters Darstellung Kennedy bei jedem Schritt darauf Bedacht genommen hat, der Gegenseite die Wahrung ihres Gesichtes zu ermöglichen. Die amerikanischen Streitkräfte standen in höchster Alarmstufe – gleicherweise bereit zur überwältigenden Landung auf Kuba wie zum Weltkrieg, ausgefochten mit Atomwaffen. Dessenungeachtet wurde nicht gegen ein einziges sowjetisches Schiff, nicht gegen einen einzigen kubanischen Stützpunkt Gewalt angewandt. Kennedy und Chruschtschowverständigten sich sogar darüber, wie durch beiderseitiges Handeln eine Gewaltanwendung der Blockadeflotte gegen sowjetische Schiffe umgangen werden konnte: Chruschtschow ließ seine Konterbande tragenden Schiffe zurückhalten, und Kennedy ließ einen sowjetischen Tanker ohne Anhalten passieren. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen wurde für beide zu einem nützlichen diplomatischen Zwischenträger. Jedoch war der Sicherheitsrat gegenüber den beiden Weltmächten ohnmächtig. Es ist nützlich, im Blick auf Berlin, dies nicht zu vergessen.

Kennedy mußte die sowjetischen Angriffswaffen aus Kuba entfernen, wenn die Glaubwürdigkeit seiner militärischen Stärke und das westliche Bündnissystem nicht erschüttert werden sollte. Er mußte zu diesem Zweck bis „an den Rand“ des Krieges gehen, und gleichwohl durfte er sein verwickeltes Spiel nur von einer einzigen Instanz aus spielen; jegliche Beratung über einzelne Schritte mit den Bündnispartnern hätte zum Zeitverlust und am Ende gar zur Niederlage führen können. So hat gerade Kennedys erfolgreiche Bewältigung der sowjetischen Drohung doch zu bitteren Gefühlen in westeuropäischen Quartieren führen müssen: Der kubanische Ernstfall machte ganz deutlich, daß im Scheitelpunkt des Konfliktes die Bündnispartner nicht im einzelnen gefragt werden können, während statt dessen eine vielfältige Kommunikation mit Moskau unerläßlich wird. Aber noch weitaus größere Bitterkeit mag Castro befallen haben; um ihn bekümmerte sich überhaupt niemand.

Als am Sonntag, 28. Oktober 1962, Chruschtschow seinem Gegenspieler mitteilte, er werde die Waffen, „die Sie für offensiv halten“, nach der Sowjetunion zurückbringen lassen, da atmeten die Menschen nicht nur in Washington auf, sondern ebenso in Warschau, in Berlin, in Hamburg, in London, auf der ganzen Welt. Aber – so glaube ich – die größte Sorge hatte man im Kreml und im Weißen Haus gehabt.