Von Walter Abendroth

Bei den soeben beendeten Münchner Festspielen der Bayerischen Staatsoper hat es sich im wesentlichen um eine Überschau der bedeutendsten Neuinszenierungen der voraufgegangenen Saison und der unentbehrlichen Standardwerke des laufenden Repertoires gehandelt. Es gab dabei illustre Gäste – was indessen die Aufführungen nicht viel festlicher machen konnte, als sie es ohnehin sind, da ja das Münchner Ensemble über erstklassige Kräfte verfügt.

Es fiel ein tiefer Schatten auf die festlichen Wochen: Am 28. August starb an einem Herzinfarkt der Chefbühnenbildner der Staatsoper, Helmut Jürgens. Er hatte für nicht weniger als zehn von den 13 Werken des Festspielplans den bildlichen Rahmen geschaffen. Darunter war die einzige sozusagen „originale Festspiel-Neuinszenierung“ – die „Elektra“ von Richard Strauss. Dies ohne Frage gewichtigste Musikdrama „Richards, des Zweiten“ erfuhr unter der musikalischen Leitung von Joseph Keilberth und in der Inszenierung Hans Hartlebs mit Hildegard Hillebrecht, Jean Madeira, Astrid Varnay, Hans Günter Nöcker, Max Proebstl und Fritz Uhl eine Wiedergabe von düsterer Großartigkeit.

In gleichem Maße authentisch, die epochale Bedeutung dieser einzigartigen Schöpfung wieder einmal erweisend, zeigte sich Rudolf Hartmanns „Palestrina“-Inszenierung, die Keilberth als heute wohl bester Pfitzner-Dirigent leitete und die in Richard Holm einen neuen hervorragenden Interpreten der Titelrolle, in Hans Hotter und Otto Wiener überragende Vertreter des Borromeo und auch im übrigen durchweg Elite-Besetzung hatte.

Günther Rennerts phantasievolle Spielführung und Heinrich Hollreisers Musikleitung wirkten eng zusammen, die eklektisch-ironisierende Geistigkeit der Strawinskyschen Moraloper „The Rakes Progress“ in allen Farben ihrer intellektuellen Vieldeutigkeit schillern zu lassen: Auch das, mit auserlesenen Darstellern in allen Rollen, eine repräsentative Leistung, die sich gut in das Rokokomilieu des Cuvillies-Theaters fügt. Das gilt natürlich noch mehr von der Aufführung der Monteverdi-Oper „Krönung der Poppea“, die unter Meinhard von Zallinger und Heinz Arnold beim Publikum schnell unerwarteten Anklang gefunden hat.

Richard Wagner war diesmal mit nur zwei Werken, „Lohengrin“ und „Parsifal“, vertreten. Das Schwergewicht der Festwochen lag noch entschiedener als sonst auf den Strauss-Aufführungen. Ihr exemplarischer Rang macht München gegenwärtig zur führenden „Strauss-Stadt“ in weitem Umkreise.

Angesichts der neuen Ära aber, die im kommenden Winter mit der Wiedereröffnung des Nationaltheaters für die Bayerische Staatsoper anbrechen wird, erscheint es dringend geboten, noch einmal auf die besondere Festspielaufgabe hinzuweisen, die sich für die alte Wagner-Stadt München aus dem progressiven Bedeutungsschwund der Bayreuther Versuchsanstalt ergibt. Man sollte das Münchner Prinzregententheater, das seinerzeit als spezielles Wagner-Theater erbaut wurde und das nach der Rücksiedelung der Staatsoper in das „Nationaltheater“ überflüssig zu werden droht, als Wagner-Festspielhaus mit versenktem Orchester wiederherstellen und dort moderne Wagner-Musteraufführungen verbindlichen Stils herausstellen.

Daß Rudolf Hartmann auch als Wagner-Regisseur etwas zu sagen hat, und zwar desto mehr, je freier er sich von Seitenblicken auf Neu-Bayreuth hält, ist hinlänglich erwiesen. In Knappertsbusch und Keilberth stehen ihm berufene Wagner-Dirigenten zur Seite, und Emil Preetorius, immer noch als Wagner-Szeniker unübertroffen, dürfte sich trotz seines hohen Alters einem solchen Unternehmen kaum versagen. Möglichkeiten sind also genug gegeben. Es kommt nur auf den Entschluß an. Dem Prinzregententheater wäre dann eine Weiterexistenz gegönnt, die seiner Vergangenheit würdig ist. Den Münchner Festspielen würde ein neuer Akzent von missionarischem Gewicht gegeben!