Von Harr? Pross

Was ist heute links? Was links und was rechtssei, beantworteten wir als Kinder mit dem Witz: Links ist da, wo der Daumen rechts ist. Rechts wäre dann dort, wo der Daumen links ist. Wir hatten an diesem Spiel unser Vergnügen.

Wenn heute gefragt wird, was in der Politik links und rechts sei, hat diese höchst ernsthafte Frage viel Ähnlichkeit mit dem Kinderspaß.

„Was ist heute links?“ – Thesen und Theorien zu einer politischen Position, herausgegeben von Horst Krüger, mit Beiträgen von Marianne Regensburger, Ralf Dahrendorf, Heinrich Böll, Walter Dirks, Reinhard Baumgart, Hans Heinz Holz, Klaus Wagenbach, Gerhard Zwerenz, Hans Werner Richter, Günter Zehm, Klaus-Peter Schulz und Wolf gang Abendroth; Paul List Verlag, München; 160 S., Taschenbuch 2,40 DM.

Links und rechts sind auch politisch relative Bezeichnungen, gerade weil sie so absolut klar zu sein scheinen. Was links und was rechts genannt wird, entscheidet ein Willensakt der Benennung. Man könnte sich denken, daß links rechts hieße und rechts links. Aber, so muß man einwenden, damit wäre nichts gewonnen: Offensichtlich sind doch Unterschiede der beiden Positionen zu einer dritten gemeint, wenn von links und rechts die Rede ist. Diese dritte Position wäre die Mitte.

Noch komplizierter wird die Sache, wenn man der Frage, was links und rechts sei, den Zeitbegriff des Heutigen beifügt. Horst Krügers Buch fragt nicht, was ist links, sondern es verlangt eine Antwort auf die Frage: Was ist heute links?

Die einfachste Erklärung, die hierzu abgegeben werden könnte, würde lauten: links ist, was schon immer links war, denn der Begriff bezeichnet eben ein bestimmtes Verhältnis zu einer Mitte.