Von Willi Bongard

Das Automobil hat immer noch als des Wirtschaftswunders liebstes Kind zu gelten und wird von den Verbrauchern nach wie vor gehätschelt und getätschelt. Die Automobilausstellung in Frankfurt wird sich entsprechend wieder einmal als das Mekka der Automobilfreunde erweisen. Die Automobilindustrie zeigt sich ja auch von ihrer schönsten Seite – in Lack und Chrom. Was sie verständlicherweise nicht zeigt, sind die Sorgen, die sie sich möglicherweise über die zukünftige Entwicklung macht...

Es ist wahrhaftig mehr als ein Akt christlicher Nächstenliebe, sich über die Zukunftsaussichten dieser Branche Gedanken zu machen. Immerhin ist beinahe jeder 10. Erwerbstätige heute in der Kraftfahrzeugwirtschaft beschäftigt (einschließlich Tankstellen und Reparaturwerkstätten); außerdem macht die Automobilproduktion an die fünf Prozent unserer gesamten industriellen Produktion aus. Unter diesem Aspekt ist die Automobilindustrie ein Wirtschafts- und Konjunkturfaktor von eminenter Bedeutung. Es wäre nicht nur leichtfertig, sondern auch töricht, darauf zu vertrauen, daß sich die bisherige Entwicklung dieses Industriezweigs geradlinig fortsetzen und der Autoboom auf die Dauer anhalten würde.

Die Unkenrufe haben sich denn auch in jüngster Zeit verstärkt. Noch allerdings werden sie von der Automobilindustrie mit betont optimistischem Lächeln quittiert. Dieses Lächeln gründet sich nicht zuletzt auf die neuesten Produktionsergebnisse. Die sind in der Tat atemberaubend und – ganz offensichtlich – von niemandem vorhergesehen worden.

Die deutsche Autoindustrie hat in den ersten sieben Monaten dieses Jahres einen neuen Produktionsrekord aufgestellt. In dieser Zeit sind mit rund 1,53 Millionen Wagen 16,7 Prozent mehr Kraftfahrzeuge vom Band gerollt als in der gleichen Zeit des Vorjahres. Bei den Personenwagen stieg die Produktionskurve mit einer Zunahme auf 1,28 (im Vorjahr 1,09) Millionen Einheiten besonders steil, nämlich um 17,5 Prozent an. Die größte Überraschung stellt freilich die Zunahme der Ausfuhr um sage und schreibe 22,5 Prozent auf 0,7 Millionen Wagen dar.

Was sollen also die Unkenrufe – so mögen sich angesichts dieser Zahlen die Herren Nordhoff (Volkswagenwerk), Stork (Opel), Andrews (Ford) und Hitzinger (Daimler/Autounion) fragen, die mit ihren Werken einen Produktionsanteil von gegenwärtig etwa 90 Prozent der westdeutschen Automobilindustrie repräsentieren. Allein, der Augenblick erscheint vielen zu schön, als daß sie ein „Verweilen“ für möglich hielten.

Das friedliche Nebeneinander der Produzenten auf der Internationalen Automobil-Ausstellung kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier ein mörderisches Gegeneinander vorbereitet wird, ja bereits im Gange ist. Das Wettrennen – in der Automobilindustrie hat mit anderen Worten eben erst begonnen. Die Zeit ist endgültig vorüber, in der es – lediglich – darauf ankam, die Produktion auszuweiten, um mit; der galoppierenden Nachfrage Schritt zu halten.