Daß Börsenprognosen oftmals auf schwachen Füßen stehen, haben wir in den letzten Tagen wieder recht deutlich erfahren. Als nämlich Präsident Kennedy den Kauf ausländischer Aktien mit einer Sondersteuer von 15 % belegte, hieß es in Bank- und Börsenkreisen ziemlich einmütig: Nun werden europäische Aktien in den USA Mangelware. Was drüben ist, wird drüben bleiben.

Zunächst schien es auch so. Die Amerikaner traten in Europa kaum noch als Verkäufer auf. Doch plötzlich änderte sich die Situation, weil nämlich einige amerikanische Anlegergruppen zu der Auffassung gelangten, daß es lohnender sein würde, deutsche Aktien gegen noch nicht gestiegene US-Papiere zu tauschen. Die Hausse-Chancen der New Yorker Börse wurden von diesen Leuten für größer gehalten als die in der Bundesrepublik. Ohne Zögern trennte man sich deshalb von der angeblichen Mangelware.

In den deutschen Börsensälen standen plötzlich Aktien der IG-Farben-Nachfolger (besonders von Bayer), von Siemens und AEG sowie solche des VW-Werkes reichlich zur Verfügung. Zeitweise gab es auch Auslandsverkäufe bei RWE-Aktien. Aber nirgends wurde es bedrohlich, denn die deutschen Großanleger nahmen das Material zwar zu weichenden Kursen, aber doch sehr schnell auf. Sie sind der Meinung, daß die amerikanischen Verkäufe die Stabilität der deutschen Aktienmärkte nicht gefährden können, weil letzten Endes der konjunkturelle Wirtschaftsablauf entscheidend für das Kursgefüge sein wird. Und in dieser Beziehung ist man optimistisch. –dt