Pacific Palisades, California

1550 San Remo Drive

12. Juli 1946

Sehr geehrter Herr Assessor:

Ich tauge sehr wenig zum strengen Sittenrichter, und abscheulich würde es mir scheinen, einen Brief wie den Ihren mit kaltem Schweigen zu übergehen. Ich kann nur hoffen, daß Sie nicht mit einer raschen Antwort gerechnet haben: Ihr Brief vom 26. Mai ist erst seit zwei Tagen in meinen Händen.

Ihre heutige Haltung, das ernste Gefühl der Verschuldung und Verantwortung, aus dem Ihr Schreiben hervorgegangen ist, scheint mir ehrenhaft und ergreifend, und wenn es mir auch schwer fällt, zu verstehen, wie je ein moralisch feinfühliger oder, ich will lieber sagen, moralisch gesunder Mensch an die vaterländische Sendung des Hitlertums glauben konnte, so kann ich mich doch sehr wohl einfühlen in die Leiden der Enttäuschung, die ein junger Mensch, der an die Reinheit und Zukünftigkeit der Bewegung glaubte, zu erdulden hatte und noch erduldet durch die Erkenntnis der ganzen Falschheit und Verderbtheit der Lehren, die er in sein Herz geschlossen hatte.

Wie sollte ich es nicht als ein ermutigendes Zeichen empfinden, daß ein Deutscher Ihrer Generation mir dieses Bekenntnis ablegt mit der Versicherung, daß tausende seinesgleichen seine Gesinnungen teilen. So gesehen ist Ihr Brief viel wertvoller für mich, als wenn er von einem ehemaligen nazistischen Würdenträger käme. Zu allzu großem Optimismus darf ich mich durch Ihre tröstliche Stimme gleichwohl nicht verführen lassen. Denn zu viele Anzeichen sprechen dagegen, daß eine wirkliche Wandlung im geistigen und moralischen Leben des deutschen Volkes sich schon vollzogen hat, und wenn ich es, ich kann wohl sagen mit möglichster Schonung, ablehnte, meinen Wohnsitz wieder in Deutschland zu nehmen, so ist der einfache Grund dafür, daß ich dort den physischen und geistigen Kampf gegen die Mächte wieder aufzunehmen hätte, die mich aus dem Lande vertrieben haben, einen Kampf, dem meine Jahre nicht mehr gewachsen sind.