Mit einem alten Regenschirm und ein paar Kreidestrichen auf einer Schultafel erläuterte Professor Martin Ryle den Presseleuten, die nach Cambridge gekommen waren, die Wirkungsweise seines neuen Riesenspielzeugs, des jüngsten und größten Radioteleskops, das in anderthalbjähriger Arbeit aufgestellt wurde und in Kürze den Betrieb aufnehmen wird.

Entworfen von Professor Ryle und gebaut vom britischen Ministerium für öffentliche Arbeiten, kostet das Gerat den Staatssäckel fünf Millionen Mark – aber es wird die Funktion einer Anlage erfüllen, die nach den bisher üblichen Konstruktionsmethoden etwa viereinhalb Milliarden gekostet hätte. Das heißt, das neue Radioteleskop wirkt wie ein Gerät mit einer hohlspiegelförmigen Antenne von nicht weniger als 1,6 km Durchmesser!

Statt solch ein Ungetüm zu bauen, um in bisher unerreichte, phantastische Tiefen des Weltraums vorzustoßen, wählte Martin Ryle eine Methode, die er in achtjähriger Arbeit entwickelt hat: Zwei hohlspiegelförmige Antennen – Ryle nennt sie „Suppenschüsseln“ – von je 18 m Durchmesser wurden in festem Abstand voneinder errichtet, während eine dritte sich auf einem 800 m langen Gleis bewegen kann. Dadurch kann die relative Stellung der Antennen zueinander stark variiert werden – und damit die „Linsenöffnung“ des Radioteleskops. Ryle nennt sein System daher Apertur-Synthese; er verwandte es in kleinerem Maßstab bereits bei seinem vor sechs Jahren gebauten Mullard-Observatorium, das sich, wie auch die neue Anlage, bei Lord’s Bridge befindet, acht Kilometer vor den Toren von Cambridge.

Die drei „Suppenschüsseln“ rotieren auf Achsen, die parallel zur Erdachse stehen, und die Motoren laufen, genau mit der Erddrehung, so daß sie jeden Punkt des Himmels beliebig lang „fixieren“ können. Jede der drei Antennen kann auch individuell bewegt werden, aber normalerweise arbeiten sie zusammen, zentral gesteuert vom Kontrollgebäude aus. Die elektromagnetischen Signale, die sie aus dem Weltraum empfangen, werden auf Lochbändern festgehalten und dann dem elektronischen Rechengerät der Universität Cambridge, EDSAC, zur Datenverarbeitung zugeführt.

Ein Gerätesystem von dieser Größe mußte mit höchstmöglicher Präzision gebaut werden. Zu diesem Zweck war es erforderlich, daß das Ministerium als Bauunternehmer Ausflüge in die Astronomie unternahm: die Ingenieure beobachteten auf dem Bauplatz die nähergelegenen Fixsterne mit optischen Geräten. Die Bestimmung des Abstands zwischen den beiden feststehenden Antennen wurde ebenfalls optisch durchgeführt – durch Messungen von Lichtpulsen aus zwei Lichtquellen, die an den Antennenpositionen angebracht wurden. Das Bahngleis für die dritte Antenne wurde mit einer Genauigkeit von 1 1/2 mm nivelliert.

Was hofft Professor Ryle mit seinem neuen Gerät zu erzielen? Zunächst einmal, wird die tägliche Kleinarbeit, die sich über viele Jahre erstrecken wird, eine wesentlich genauere Karte der Radiosterne – jener Myriaden von Himmelskörpern und Gasschwaden, die elektromagnetische Wellen außerhalb des sichtbaren Lichtspektrums aussenden – liefern können. Diese Himmelskörper gibt es aber in allen galaktischen Systemen des Weltraums, und mit dem neuen Gerät hofft man, Signale aus Sternennebeln in noch viel größerer zeitlich-räumlicher Entfernung empfangen zu können, als dies bisher – mit dem Mullard-Observatorium – möglich war. Aus seinen Beobachtungen der Sternnebel in Entfernungen bis zu neun Milliarden Lichtjahren glaubte Professor Ryle schließen zu können, daß das Weltall mit einem – wie er es nennt – „big bang“, einer kosmischen Urexplosion begann und sich nicht, wie andere Forscher meinen, seit Ewigkeiten kontinuierlich aus neugeschaffener Materie ergänzt. Ryle hofft, mit seinem neuen Radioteleskop bis in 15, ja vielleicht 20 Milliarden Lichtjahre Entfernung vordringen und unwiderlegliche Beweise für die „big bang“-Theorie liefern zu können; denn wenn in solchen Entfernungen die Himmelskörper wesentlich dichter beieinanderliegen, wäre der Beweis für die Schöpfung durch Urexplosion, der eine ständige Ausdehnung folgte, erbracht. „Je weiter entfernt die beobachteten Nebel sind,“ erklärt Professor Ryle, „desto jünger ist der Zustand, in dem wir das Weltall sehen.“

Egon Larsen