In einer sonnigen Kleinstadt im Languedoc treffen sich jeden Morgen mehrere ältere Herren. Sie haben es sich seit ihrer Pensionierung zur Gewohnheit gemacht, gegen elf Uhr zu einer Partie „Pétanque“ zusammenzukommen. Das Spiel dauert sehr lange und endet oft erst am Abend. Es ist ein malerisches Spiel, aber man spielt nicht nur mit Kugeln, sondern auch mit Witzen und humorigen Bemerkungen, und die „Bonmots“ blühen. Manchmal kommt es auch zu ernsthaften Gesprächen... Einmal indessen – es geschah unlängst – waren die Gedanken nicht beim Spiel. „Ach, diese ‚Ausländer aus Paris‘. Sie werden unser Languedoc revolutionieren und unsere friedliche Bürgerschaft aus ihrer Ruhe aufscheuchen“ – diese Bürgerschaft, die, wie die Herren weiter schimpften, so selbstzufrieden sei, die sich so wenig ihrer Verantwortung bewußt sei und gedankenlos in den Tag hineinlebe.

Wer sind nun diese Ausländer, und was für eine Revolution haben sie vor? Diese Ausländer sind niemand anders als die Mitglieder einer Kommission, die auf Veranlassung der französischen Regierung von mehreren Ministerien gebildet wurde mit dem Ziel, das Küstengebiet von Languedoc und Roussillon für den Fremdenverkehr herzurichten. Und diese Revolution ist nichts anderes als ein ehrgeiziger Plan, zwischen der Carmargue und den Pyrenäen eine zweite Riviera zu schaffen.

Trotz der herrlichen, sonnigen Lage dieses Gebietes haben es die Bewerber nicht verstanden, zu handeln und „den Fremdenverkehr zu beleben“. Sie haben es nicht verstanden, den natürlichen Verkehrsweg zu benutzen, der schon zur Römerzeit die Aquitaine mit der Provence und Italien mit Spanien verband, und 150 Kilometer Strand und Lagune anziehend zu gestalten. Der ministerielle Plan nun beruht auf der Idee, daß „die unzählbare Menge der Touristen, die das Land dort auf dem Weg nach Spanien durcheilen, von unserem Strandgebiet angezogen werden könnten“. Die Badeorte sollen mit den modernsten Einrichtungen so ausgestattet werden, daß jeder für – eine ganz bestimmte Art von Feriengästen taugt. So wünscht es Minister Maziol, der Präsident der Kommission.

Man will also Badeorte für Durchschnittsgäste und für Studenten ausbauen, Luxusbäder für Industrielle aus Paris und Stars der ganzen Welt, oder: Badeorte mit mäßigen und mit exorbitanten Preisen, solche, in denen es ruhig zugeht, und andere, deren Nachtleben lebhaft sein wird wie das mancher schon dafür berühmter Orte der Riviera. Sie werden zum Teil vollständige Sportanlagen einschließlich Reitschulen, Schwimmbädern und Golfplätzen besitzen, in anderen wird man einen Hafen für Segel- und Rudersport finden oder nur Felsen, Sand und Sonne. Es sollen Feriendörfer nach polynesischer und Hochhäuser neueuropäischer Art an der Küste, aber auch ganze Dörfer in die See hineingebaut werden.

Die einzelnen Plätze sollen sich gegenseitig ergänzen und sich alle zusammen in einem Gesamtplan einordnen. „Zu diesem Zweck“, so sagt Präsident Maziol, „wurde eine ganz neue Form der Städteplanung geschaffen. Es geht nicht mehr um einen statischen Städtebau, bei dem nur die Fenster abgewandelt oder die Türen im Hochformat statt im Querformat angelegt werden, sondern es geht um einen völlig neuen, schöpferischen Städtebau, der als avantgardistisch bezeichnet werden muß.“ Ehe jedoch mit den Arbeiten begonnen werden kann, müssen erst die Verbindungsstraßen zwischen den geplanten Orten wegsamer werden. Zuerst wird eine Autobahn gebaut, die schon 1965 fertig sein soll. Sie verbindet Avignon mit Narbonne und gabelt sich dort: sie führt nach Toulouse und nach Perpignan. Von diesen Straßen zweigen dann mehrere Nebenstraßen zu den einzelnen Orten ab.

Indessen, es gibt weit schwierigere Erscheinungen, deren man Herr werden muß, vor allem: Wind und Mückenplage. Daß diese Landschaft bisher nicht besser genutzt wurde, ist in der Tat den Moskitos und dem Mistral zuzuschreiben. Die Strandseen – Etang de Mauguio, de Salser d’lngril – sind eine unerschöpfliche Brutstätte. Dagegen anzugehen, verlangt die ersten und leider, unproduktiven Investitionen. Die Ufer dieser Seen müssen befestigt, die Gewässer ausgebaggert und mit dem offenen Meer verbunden werden. Schon sind Sachverständige aus Florida gekommen, um ihr Gutachten abzugeben. Um sich gegen den Wind – Mistral und Tramontane – abzuschirmen, werden zwei Lösungen kombiniert: Besonders kahle Stellen werden mit Pinien aufgeforstet, außerdem werden Gebäude quer zur Küste errichtet, um die Kraft des Windes zu brechen.

„Das ist alles notwendig, aber teuer“, erklärte einer der Verantwortlichen zu diesem Plan. „Der Staat ist bereit, die Kosten zu übernehmen, vorausgesetzt“, so fügte er hinzu, „daß das Bauprogramm der Allgemeinheit zugute kommt und nicht nur einigen gewitzten Spekulanten.“ Die Kosten für dieses Projekt lassen sich schwer schätzen. Nach ersten vorläufigen Berechnungen würden sie sich auf ungefähr achtzig Millionen Mark belaufen. Schon jetzt hat der Staat vorsorglich eine Anzahl von Grundstücken zu sehr niedrigen Preisen erworben (mitunter ist die Rede von fünfzig Centimes pro Quadratmeter).