Von Heinz Michaels

Unversehens sahen sich die Journalisten in physikalischen Nachhilfeunterricht versetzt. „Es ist ein altes physikalisches Gesetz“, dozierte Prof. Dr.-Ing. E. h. Heinrich Nordhoff ungekrönter Autokönig von Wolfsburg: „Der Durchfluß durch eine Öffnung kann nur erhöht werden, wenn man entweder den Querschnitt erweitert oder die Durchflußgeschwindigkeit vergrößert.“ Bestimmt war dieser Exkurs allerdings weniger für die Journalisten als vielmehr für jene Behörden, die da glauben, der deutschen Straßenmisere mit Verboten und Geschwindigkeitsbegrenzungen beikommen zu können.

Nach all dem Gerede von Überkapazitäten und Marktanteilen gab es auf der 41. Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt plötzlich fast nur noch ein Thema: den unzureichenden Straßenbau. Daimler-Benz-Generaldirektor Hitzinger sprach davon, daß „die Zustände auf unseren Straßen das ihrige tun, um die Freude am Auto zu dämpfen“ und Nordhoff konstatierte schlicht: „Da scheinen einige Leute fest geschlafen zu haben.“ Er erinnerte an seine Warnung vor acht Jahren, die man ihm damals übelgenommen hat.

Als am Donnerstag die Automobilausstellung mit großem Gepränge und streng nach diplomatischem Protokoll eröffnet wurde, blieb von den für Ehrengäste reservierten Sitzen einer leer. Bundesverkehrsminister Seebohm war nicht gekommen.

Er hielt – wie zu hören war – die Teilnahme an einer sudetendeutschen Veranstaltung offenbar für wichtiger als die Reise nach Frankfurt, so daß Frankfurter Zeitungen in ihren Schlagzeilen fragten: Fürchtet der Minister die Kritik an seinem Straßenbauprogramm?

Wolf gang Thomale, der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie; äußerte diese Kritik unverblümt: „Ich spreche hier in aller Öffentlichkeit mit Nachdruck aus, daß die Bundesregierung die Größe der Gefahr einer immer breiter werdenden Kluft zwischen Motorisierungsdichte und Straßenvolumen offenbar bisher nicht erkennt und ihr nicht genügend Rechnung trägt.“ Vizekanzler und Kanzlerkandidat Erhard hörte aufmerksam zu, blieb in seiner Eröffnungsrede jedoch so unverbindlich, wie es ein designierter Regierungschef vor seiner Regierungserklärung wohl sein muß.

Die Chefs der Automobilwerke bekümmert es, daß der Vierjahresplan 1963–1966 von der Entwicklung der Motorisierung bereits überholt ist, und es ärgert sie, daß die Bundesregierung von den notwendigen 13 Milliarden Mark für den Vierjahresplan etwa 800 Millionen praktisch gestrichen hat und 1,2 Milliarden nur über Kredite aufbringen will. Es erbost sie, daß Bonn nur noch 45 % des Mineralölsteueraufkommens für den Straßenbau bereitstellen will, so daß nicht einmal das Minimalprogramm erfüllt werden dürfte.