Wir sind allergisch gegen das Erbauliche. Was in der Gegenreformationszeit aufkam und sich dann in beiden Konfessionen ausbreitete – das Seelen- und Gefühlvolle, die Herzensergießung, der Stoßseufzer, die fromme Anwandlung und Aufwallung – wir vertragen es nicht mehr. Der Augenaufschlag gen Himmel ist uns nicht mehr glaublich, nicht mehr glaublich das zerknirschte An-die-Brust-schlagen der reuigen Magdalena. Mit der liturgischen Bewegung, die nach dem Ersten Weltkrieg erst die katholischen Gebildeten ergriff, dann die katholischen Gemeinden eroberte und anregend auch auf den Stilwandel im protestantischen Gottesdienst wirkte, haben sich neue, ernste und ernstzunehmende Frömmigkeiten durchgesetzt. Wer im Süden lebt und sich über schmachtende Madonnen Rosenkranzgerassel ärgern muß, weiß sie zu schätzen.

Dennoch hat sich die Annahme, die liturgische Erneuerung sei schon das lebendig gewordene Christentum, als Irrtum erwiesen. Radikale Autoren wie Böll oder Graham Greene haben gerade die neue katholische Feinsinnigkeit aufs Korn genommen. Heute übt das Wort „existenziell“ die gleiche Zauberwirkung aus wie damals das Wort „liturgisch“. Heutige Ansätze zum Neubeginn und zur Reform gehen von ganz anderen Voraussetzungen aus, streben ganz anderen Zielen zu. Der Auftakt des Zweiten Vatikanischen Konzils mit der plötzlichen Ohnmacht des sogenannten konservativen Flügels war ein deutliches Signal.

Darum verdient ein Versuch wie der der protestantischen Klostergründung von Taizé mehr als das Interesse, das man einem Kuriosum zuwendet. Zwei Zeugnisse aus dem Kreise von Taizé selbst unterrichten nun genauer über Geist und Gesetz dieser christlichen Gemeinde –

Roger Schutz, Prior von Taizé: „Das Heute Gottes“, mit einem Vorwort von Robert Grosche, deutsche Übersetzung von Richard Bochinger; Herderbücherei, Band 136, Herder-Verlag, Freiburg; 128 S., 2,40 DM

„Die Regel von Taizé“, zweisprachige Ausgabe; Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn; 108 S., 9,80 DM.

Die Ideen des Priors von Taizé sind erfreulich nüchtern. Er macht eine Bilanz auf: die Christenheit, zu Beginn des Jahrhunderts ungefähr die Hälfte der Menschheit umfassend, wird im Jahr 2000 nur noch ein Viertel ausmachen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit missionarischer Haltung. Statt dessen lebt die Christenheit im „Skandal“ der Spaltung, der inneren Unglaubwürdigkeit. Sie paktiert mit dem Reichtum der Weißen gegen den Hunger der Farbigen, sie identifiziert sich weltpolitisch mit einem Lager, statt dem Frieden Gottes zu dienen. Sie setzt dem Lebenshunger der jungen Generation puritanische Abwehrhaltungen entgegen, statt der Sexualisierung durch das Vorbild christlicher Ehe und christlicher Ehelosigkeit entgegenzuwirken.

Natürlich sind solcherlei Überlegungen nicht der Ausgangspunkt der Reform von Taizé. Daß es „fünf Minuten vor zwölf“ ist, bietet allein noch kein Argument. Die kritische Haltung ist die auch aus dem katholischen Frankreich bekannte; die Parallelen reichen bis ins Einzelne, etwa in der Entsendung von Brüdern des Ordens in die Gewerkschaftsbewegung. Das Feuer von Taizé ist von einem ursprünglichen Lebens- und Liebes-Impuls angefacht: von dem Johanneswort „auf daß alle eins seien ...“. Vielleicht hat es der großen sozialistischen Solidaritätsbewegung bedurft, um das Evangelium und die Katholizität als Brüderlichkeit voll zu verstehen.