Von François Villon bis Elmer Rice, von Mozart bis Frankenfeld wurde der Bogen gespannt: Goethe, zwischen Zeitungszeilen gestreut; am Ende aber blieb nur wenig Nennenswertes nach, doch ich werde mich dreier Gesichter erinnern.

Da sah man zu nächtlicher Stunde (in Stockholm wurden Gewichte gehoben) den Amerikaner Cleveland, Gary Cleveland, die Szene betreten. Als er auf das Gerät zuging, wirkte er zaghaft und schüchtern. Das Gewicht zu seinen Füßen: der Stab und die Scheiben schienen ihm Sorgen zu machen – jedenfalls musterte er sein Gegenüber wie ein schlafendes Tier, das jeden Augenblick zum Leben erwachen konnte, trippelte umher, beschmierte die Hände mit Kreide, ließ sich Riechsalz reichen, faßte seinen Gürtel an, blies die Backen auf, beugte sich nieder, suchte den richtigen Griff, fuhr erschrocken empor, so, als sei die Stange elektrisch geladen, wandte sich ab, kehrte zurück und verharrte abermals, wie ein betender Mönch, in der Geste der Meditation. Der Kopf war gesenkt, der Lackgürtel blitzte wie ein magischer Talisman auf... und dann endlich war es so weit: Siegfried hatte den rechten Ansatz gefunden, um den Drachen zu töten. Kein Schrei, kein brüllendes Reißen – mit spielerischer Eleganz wurde die Arbeit getan. Beifall brandete auf, und Gary Cleveland war nicht mehr allein; das Schauspiel, ein weltlich-parodistischer Versenkungsakt, hatte sein Ende gefunden.

Sodann, in Arthur Millers „Tod des Handlungsreisenden“, Leopold Rudolfs Willy Lomann – als Schwadroneur und Jämmerling, als Träumer und gescheiterter Vertreter gleich überzeugend. Hier genügte ein Augenzucken und eine sich dehnende Falte, um den Obergang vom polternden Bramarbas zum kleinmütig Resignierenden plausibel zu machen. Ein winziges Heben des Kopfes ... und schon hatte sich der komische Reisende – ein Heuchler, Versager und Schmierenkomödiant – in einen alten, zornigen Mann von Learschen Maßen gewandelt; ein Senken der Stimme (wie gut das Östeirreichisch-Nasale, wie trefflich das rollende austriazensische „r“ hier am Platz war!).. und dieser klägliche Vertreter gewann auf einmal die Würde der Melancholie, so daß er sich plötzlich, ein paar Augenblicke lang, wie ein Karl Bühl ausnahm: „Der Schwierige“ im Business-Milieu.

Schließlich erschien, von Eugen Kogon höflichscharf und mit süperber Hinterlist befragt, ein „Mann, der Einfluß nimmt“ (so schrecklich heißt die Sendung) auf dem Schirm: der DGB-Chef Ludwig Rosenberg. Nun, man gab sich charmant und Urban; Klippen wurden mit lässiger Handbewegung geglättet; die Kogonschen Fragen (was tut der DGB, wenn auch bei uns der de Gaullismus kommt? Was muß in unserer Gesellschaft geschehen, damit jedermann die gleiche Chance hat?) – sie alle entschärften sich schnell: Ein Weltmann und Causeur, schien Rosenberg zu bedeuten, wird niemals allzu direkt. „Der Mensch ist von Natur aus nicht revolutionär, er neigt dazu, zufrieden zu sein“ – das hätte, großer Lassalle, auch der andere Ludwig sagen können, und so war’s denn kein Wunder, daß Kogon seinen Partner einmal in der Hitze des Gefechts mit „Herr Ludwig“ ansprach.

In der Tat, das war ein aparter Versprecher, und ich bin froh, daß man ihn nicht herausgeschnitten hat, obwohl das sehr leicht möglich war. Ungeachtet der Tatsache, daß der Interviewer die Betrachter „noch so spät am Abend“ begrüßte, fand das Gespräch in Düsseldorf zu heller Tagesstunde statt. Licht drang durch alle Gardinen, ein angenehm diffuses, großbourgeoises Nachmittagslicht. Momos