Von Robert Gerwin

Die Zeiten, da ein Wissenschaftler in aller Weltabgeschiedenheit seinen Forschungsproblemen nachgehen konnte, scheinen endgültig vorbei zu sein, wenigstens wenn dieser Wissenschaftler in der Bundesrepublik Deutschland und in einem so kostenintensiven Forschungsgebiet wie der modernen Physik arbeitet. Zusehends kommen bei der Finanzierung seiner Arbeit politische Faktoren ins Spiel, und widerstrebend muß sich so mancher in wissenschaftlichen Ehren ergrauter Professor auf das glatte Parkett des Lobby wagen oder mit seinen Sorgen an die Presse wenden. Die Deutsche Physikertagung 1963, die in der vorigen Woche in Hamburg durchgeführt wurde, ließ das sehr deutlich werden. Die schönen Worte des Bundesministers für wissenschaftliche Forschung, daß sich sein Ministerium der Bedeutung der Physik bewußt sei und daß diese darum auch die notwendige finanzielle Unterstützung erhalten müsse, vermochten nicht zu überzeugen angesichts dessen, was sich zur Zeit wirklich tut.

Vor einem Jahr auf der Physikertagung in Stuttgart hatte noch eitel Freude geherrscht, als der Ministerpräsident von Baden-Württemberg bei der Eröffnung erklärte: „In der morgigen Besprechung der Kultusminister wird der von ihrem Vorsitzenden geforderte feste Betrag für die Wissenschaft festgelegt.“ Zwei Tage später berichtete Dr. Kiesinger dann auf einem Empfang, daß die angekündigte Einigung wirklich erreicht worden sei. Endlich würde man – so glaubten die deutschen Physiker – nicht mehr von Jahr zu Jahr um die Bereitstellung der finanziellen Mittel durch Bund und Länder und damit die Fortsetzung der laufenden wissenschaftlichen Arbeiten kämpfen und bangen müssen! Die Ministerpräsidenten stimmten dann am 8. November 1962 auch noch ganz offiziell dem diesbezüglichen Verwaltungsabkommen zwischen Bund und Ländern im Grundsatz zu, ... doch die Beschlußfassung über dessen Unterzeichnung wurde zurückgestellt bis zum Abschluß der Verhandlungen mit dem Bund über die Neuverteilung der Einkommen- und Körperschaftssteuer. Und wer vermag abzusehen, wann es dazu einmal kommen wird?

Unterdessen sind die Länder ihren Verpflichtungen zur Unterstützung der Wissenschaft wohl etwa im Umfang des geplanten Abkommens nachgekommen, doch wer mit seiner Forschungsarbeit finanziell vom Bund abhängt – und das ist gerade die Avantgarde der experimentell arbeitenden Physiker – der steht im Forschungsministerium in Bad Godesberg vor verschlossenen Türen. Der Haushalt für 1963 wurde zwar offiziell wirksam, doch wesentliche Titel des Forschungsministeriums sind bis zu 80 Prozent gesperrt. Die Verträge zwischen dem Ministerium und den Instituten werden nur noch jeweils für drei Monate verlängert, und wie der neue Präsident der Gesellschaft Deutscher Physiker, der Münchener Professor Bopp, auf einer kleinen Pressekonferenz in Hamburg berichtete, wurde erst vor wenigen Tagen dem mit diesen Problemen betrauten Fachausschuß der Deutschen Atomkommission mitgeteilt, daß die Fortsetzung der Förderungsmaßnahmen des Bundes im seitherigen Umfang über den 31. Dezember hinaus sehr in Frage gestellt sei. Das betrifft vor allem die vom Forschungsministerium bezahlten Planstellen für das wissenschaftliche Personal. Den betroffenen Institutsdirektoren bleibt kaum eine andere Wahl als ihren Mitarbeitern zum 1. Januar zu kündigen – und das in einer Zeit, in der im Ausland den deutschen Wissenschaftlern die verlockendsten Angebote gemacht werden.

Damit droht der wissenschaftlichen Forschung und vor allem der Physik in Deutschland – Bopp deutete das dezent an –, eine ähnliche Katastrophe wie 1933, als viele hervorragende Forscherpersönlichkeiten Hals über Kopf aus politischen Gründen ins Ausland gehen mußten und die Kontinuität der Forschung abbrach. Die bis dahin führende Stellung in der physikalischen Forschung hat Deutschland nie mehr zurückerlangt. Kommt es erneut zu einem einschneidenden Bruch in der Kontinuität der Forschung, hat erst einmal eine Massenflucht der jüngeren führenden Köpfe eingesetzt, dann nützen die zum Teil erfreulichen Investitionen, die in den letzten Jahren für moderne Forschungsgeräte vorgenommen wurden, auch nichts mehr.

Unter diesen Umständen vermochte das erste öffentliche, seit vier Monaten überfällige Bekenntnis des Bundesforschungsministers zum Deutschen Atomprogramm bei der Eröffnung der Hamburger Physikertagung nicht sehr zu beeindrucken. Darauf in der Pressekonferenz angesprochen sagte Bopp: „Es genügt nicht, das Atomprogramm gutzuheißen, man muß auch danach handeln, und zwar bevor die Dinge zusammengebrochen sind, bevor die Kontinuität erneut abreißt!“

Dieser Wunsch nach Kontinuität gilt aber wohl nicht zuletzt auch für das Wissenschaftsministerium als solches. Davon wurde zwar nicht offiziell auf der Deutschen Physikertagung in Hamburg gesprochen, aber um so mehr inoffiziell auf den Wandelgängen. Nicht zuletzt durch seine Verzögerungstaktik bei der Handhabung des Deutschen Atomprogramms hat Forschungsminister Lenz in der letzten Zeit viel an Sympathie eingebüßt.

Die ursprünglich so wünschenswert erscheinende Ministerautorität für die Forschung erweist sich als Danaergeschenk, denn dadurch gerät sie mit in den Bannkreis der Stagnation, der die Bundespolitik seit etwa drei Jahren gefangen hält. Ein Stillstand in der Forschung jedoch bedeutet in jedem Fall Rückschritt.