Am 1. September hat Propst Heinrich Grüber in der Trinitatskirche der augsburgisch-evangelischen Gemeinde in Warschau eine Predigt gehalten. Datum und Ort dieser Predigt sind bedeutsam. Grüber predigte am 24. Jahrestag des Kriegsbeginns, in der Hauptstadt jenes Landes, das von Deutschland zuerst angegriffen wurde, und in einer Kirche, die 1939 durch deutsche Bomben zerstört und 1960 mit staatlichen und ökumenischen Mitteln wiederaufgebaut wurde. Auch die Person des Predigers ist bedeutsam. Propst Grüber, Gründer der ersten Gemeinde der Bekennenden Kirche, Häftling im Konzentrationslager, lange Jahre Bevollmächtigter der EKD bei der Zonenregierung, ist ein streitbarer und oft unbequemer Mahner der Kirche. Wir veröffentlichen nachstehend seine Warschauer Predigt im Wortlaut.

„Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.“ (Matth. 6, 12)

Liebe Brüder und Schwestern,

wenn wir in ein Land und zu einem Volke kommen, in dem und gegen das unser eigenes Volk einmal in der Vergangenheit schuldig wurde, dann ist alle Freude des Kennenlernens und des Wiedersehens gedämpft durch das Gefühl der Schuld und Mitschuld, gerade auch am heutigen Tag. Diese Schuld können wir ja nicht einfach vom Tisch wischen, sondern sie lastet auf uns Christen, und sie zwingt uns immer wieder vor Gottes Thron zu treten mit der Bitte, „vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern“.

Als ich als erster Deutscher nach dem Zusammenbruch vor dem Staatsoberhaupt eines von uns Überfallenen Landes stand – es war der König Christian X. von Dänemark –, sagte ich zu ihm: „Majestät, ich bin zu Ihnen gekommen als ein Glied eines Volkes, das an Ihrem Volke schuldig wurde. Aber ich komme auch zu Ihnen als ein Christ zu einem Christenmenschen, die wir miteinander und füreinander beten, ‚vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern‘.“ Dieses Gefühl bewegt mich immer wieder, wenn ich in Länder komme, an denen wir schuldig wurden, und so ist es ja auch in dieser Stunde.

Ich weiß mich verbunden mit vielen in eurem Volke, die mit mir gemeinsam in den Konzentrationslagern des Hitler-Regimes gesessen haben. Wir haben alle miteinander gelitten. Wir haben in gleicher Weise gehungert. Ich habe es aber immer wieder den Brüdern aus den anderen Völkern und Kirchen gesagt: „Wir tragen mehr als ihr, denn wir tragen nicht nur Schmerzen und Leid, sondern auch das Gefühl der Scham. Denn es ist ja letzten Endes unser Volk, in dessen Namen alles das hier geschieht.“

Ich denke immer noch mit tiefer Bewegung an einen Bruder, den evangelischen Pfarrer Kahane aus Gdansk, der als erster zur Euthanasie gebracht wurde. Er war im Lager Stutthoff so mißhandelt worden, daß er nicht mehr arbeiten konnte und wurde dann, wie viele Arbeitsunfähige durch die Euthanasie beseitigt. In der Nacht, als er abgeholt wurde, hatte ich gerade Blockwache. Ich ging noch mit ihm in eine stille Ecke. Wir waren uns darüber klar, wohin sein Weg ging. Das sind Stunden, die man nie vergißt. Ich habe sie später noch einmal so furchtbar erlebt bei meinem lieben Freund und Kameraden Pfarrer Werner Sylten, der von Dachau aus auch ein Opfer der Liquidation wurde.