Von Hans Joachim Schrimpf

Wer in den Jahren nach 1945 an der Universität Münster deutsche Literaturgeschichte studiert hat, dem wird die Begegnung mit einem Manne unvergeßlich sein, der nun schon eine ganze Reihe von Studentengenerationen auf ihren Weg in die Wissenschaft, in die Schulen, ins Öffentliche und literarische Leben geleitet hat. Benno von Wiese, der jetzige Bonner Literarhistoriker, stand damals selbst noch am Anfang einer akademischen Laufbahn, auf der er in knapp zwei Jahrzehnten zu einem der angesehensten deutschen Gelehrten und Schriftsteller seines Fachs werden sollte. Der ersten Nachkriegsgeneration hat er sich immer besonders eng verbunden gefühlt. War es die gemeinsame Erfahrung des Zweiten Weltkrieges und der Zeit der Unmenschlichkeit, was diese spontane Beziehung veranlaßte? Oder war es das Wissen um die Gemeinsamkeit, die die Generation der um die Jahrhundertwende Geborenen mit den Abkömmlingen der zwanziger Jahre so dicht zusammenrückte? Für beide Generationen begann das Studium in einer dunklen Zeit, in den Jahren nach den verheerenden Kriegen, und für beide war diese entbehrungsreiche Zeit zugleich eine Epoche des Neubeginns, des Suchens nach unbekannten Zielen, ohne den Rückhalt einer gesicherten Tradition und ohne die verführerische Gegenwart einer saturierten Wohlstandsgesellschaft.

Die zum großen Teil nicht mehr ganz jungen Heimkehrer, die nach dem Kriege in ihre zerstörte Universitätsstadt strömten, fanden in Benno von Wiese einen Lehrer, der ihrer in reichem Maße das geben konnte, was sie, Jahre hindurch reglementiert und kaserniert, fragwürdigen Autoritäten ausgeliefert, lange genug hatten entbehren müssen: die Freiheit, sich in den Gefilden des Geistes umzutun, in welcher der Lehrende sich selbst nur als primus inter pares verstand. Trotz allen Erfolges und der veränderten gesellschaftlichen Situation ist dieser Professor sich selber treu geblieben in dem, was er von je als die Grundlage aller geistigen und akademischen Bildung angesehen hat: daß das Wesen auch des wissenschaftlichen Tuns das Gespräch ist, daß es sich in einem wechselseitigen Geben und Nehmen zwischen Lehrer und Schüler vollzieht, und daß die Universität nicht eine abgesonderte esoterische Ausbildungsanstalt, sondern eine offene Stätte lebendigen, peripatetischen Miteinanderdenkens zu sein hat.

Benno von Wiese hat nicht nur gelehrt, sondern täglich praktiziert, was er unter akademischer Freiheit versteht. Dazu gehört ihm vor allem das Abtun jeder Art von ideologischen Vorurteilen, die Bereitschaft zum Geltenlassen, das Vertrauen darauf, daß sich im abwägenden Gespräch eine Einigung erzielen läßt, daß gute Argumente besser sind als fertige Thesen, und daß Wörter wie Kompromiß und geistige Liberalität keine Schimpfworte sind. Wer ihn im Seminar, in öffentlichen und privaten Diskussionen, aber auch bei schwierigen Verhandlungen erlebt hat, der weiß, wo vielleicht seine eigentliche Stärke liegt. Er ist ein mit seinem ganzen Wesen auf das Dialogische angewiesener Mensch. Wie er die Gesprächspartner zu hören und – oft humorvoll-ironisch – zu leiten versteht, wie er in der lebendigen Rede seinen Studenten das Beste entlockt, wie seine mächtig ausladende Persönlichkeit mit aller Behutsamkeit und zugleich doch entschieden die zarten Zwischentöne bemerkt, nicht weniger aber auch dem Verlauf des Gesprächs Kontur und Resultat zu sichern vermag, das macht ihm so leicht keiner nach.

Dieser Gelehrte, in dem sich Enthusiasmus und Selbstironie unnachahmlich zusammengefunden haben, ist immer ein Liebhaber des Individuellen und ein Feind alles Nur-Mechanischen, perfekt Verwalteten gewesen. Der geistige Sinn für das Unverwechselbare und Individuelle hat ihn zur Dichtung geführt. Auch hier im Umgang mit dem Kunstwerk und der Sprache war und ist es sein Bestreben, einen ständigen Dialog zu führen, das Geschichtliche durch einfühlende Kommunikation vom Antiquarischen zu befreien, zur Gegenwart zu vermitteln. Seine Bücher, die heute in so vielen Händen sind, geben von diesem Dialog Kunde.

Mit dem stark ausgeprägten Sinn für Individualität hängt es zusammen, daß Benno von Wiese als Geisteswissenschaftler nicht an die alleinseligmachende Methode glaubt. Welche Methode anzuwenden ist, das schreibt der Gegenstand vor. Methode bedeutet ihm im ursprünglichen Wortsinn „Nachgang“, das Wesentliche vom weniger Kennzeichnenden zu scheiden und im verstehenden Nachvollzug das zu entwickeln, was die Sache fordert. Darum gibt es auch keine von-Wiese-Schule, aber es gibt eine große Anzahl von Schülern, die sich am Gedanken dieses Lehrers entzündet haben und sich dankbar zu ihm bekennen. Es beglückt ihn, wenn jeder von ihnen so Wenig wie möglich Kopie des Lehrers wurde und so selbständig wie möglich seinen eigenen anderen, persönlichen Weg gegangen ist. Wenn er etwas an den Studenten der Gegenwart beklagt, dann nicht, daß sie weniger intelligent oder eifrig als die früherer Generationen wären, sondern daß es ihnen weithin an Profil fehlt, an einem eigenen geistigen Verhältnis zum Gegenstand ohne Rücksicht auf die angestrebten Berufsziele.

Benno von Wiese, Sohn des Kölner Soziologen Leopold von Wiese, wurde am 25. September 1903 in Frankfurt am Main geboren. Er begann als Schüler von Karl Jaspers in Heidelberg, wo er Kommilitone von Hannah Arendt war und 1927 mit seiner Arbeit über Friedrich Schlegel promovierte. Bald danach sah man ihn in Berlin in dem berühmt gewordenen Oberseminar von Julius Petersen, einem Kreis junger Germanisten, zu denen Richard Alewyn, Wolfgang Kayser, Hans Pyritz, Erich Trunz und andere gehörten, die später so erfolgreich ihr Fach an deutschen Universitäten vertreten sollten. Im Jahr 1929 habilitierte sich Benno von Wiese mit einer Schrift über Herder in Bonn, als einziger Habilitant Oskar Walzels, wie dieser noch in seinen Memoiren zu berichten weiß. Nach kurzer Bonner Dozentenzeit ging er dann 1932 als junger Professor nach Erlangen, lehrte seit 1943 in Münster und wurde schließlich 1957 als Nachfolger Günther Müllers nach Bonn berufen. Zweimal weilte er unterdessen als Gastprofessor in den Vereinigten Staaten: 1954 in Bloomington, Indiana, 1955/56 an der Universität Princeton.