In Frankfurt ist ein Verein gegründet worden, ein Verein, der eigentlich kein Verein ist: die „Stiftung Spazierengehen“. Sie hat keine Sitzungen, keine Satzungen, keinen Vereinsvorstand und keine Punkte zur Tagesordnung. Aber sie hat etwas, auf das der Deutsche nicht gern verzichtet – sie hat ein Abzeichen zu vergeben. Ausgerechnet ein Prominenter der Automobilindustrie war der Initiator der Stiftung, die es sich zum Ziele setzte, den „fahrenden“ wieder zum „gehenden“ Bundesbürger zu machen.

Georg von Opel, aus Neigung Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft, hat sich etwas einfallen lassen, um möglichen Zivilisationsschäden vorzubeugen. Auch die Mediziner ließen sich seit Jahren etwas einfallen: Medikamente, Bewegungstherapie und Aufklärungsarbeit. Der Erfolg war nicht überwältigend, denn der Herzinfarkt schwang noch immer die Sense. Georg von Opel war indessen origineller als die Mediziner. Er nutzte eine landläufige Eigenschaft für den guten Zweck: Er stiftete drei Abzeichen. Für 100 Stunden Spazierengehen gibt seine Stiftung den „Bronzenen Schuh“; für 200 und 300 Stunden auf Schusters Rappen gibt es jeweils den „Silbernen“ und „Goldenen Schuh“. Es ist eine kleine Anstecknadel: ein winziger Schuh aus einem der drei Metalle, und – was hierzulande so wichtig ist – sie wird am Rockaufschlag getragen.

Was die Ärzte sicherlich nicht erreicht hätten – dem Stifter der kleinen Anstecknadel scheint es zu gelingen: Etwa 8000 Wanderer zählen jetzt zu den Anwärtern auf das Abzeichen. Nach dem ersten Quartal wurden bereits ausgegeben: 86 bronzene, 14 silberne und 14 goldene Abzeichen. Ein Büro mußte eingerichtet werden. Die Anzahl der inzwischen an Interessenten verschickten Abzeichenhefte ist auf 13 000 gestiegen. Sie wandern für den „Goldenen Schuh“.

Täglich kommen in das kleine Büro der Frankfurter Mainzer Landstraße etwa 100 bis 120 Briefe. Fast alle Absender wünschen das gelbe Heftchen, in das die Wanderstunden eingetragen werden. Vom Spaziergänger selber – das ist das Besondere an der Sache. Jeder ist sein eigener Stunden-Kontrolleur. Als Nachweis für die geleisteten Stunden zu Fuß dient allein das Wanderbuch, das an die Ehrlichkeit des einzelnen appelliert. Sind die Stunden für ein Abzeichen erreicht, wird es an das Büro „Spazierengehen“ übersandt, und schon kommt der kleine Orden per Post.

Das Ganze wirkt ein wenig erheiternd, doch es hat einen ernsten Hintergrund: Wieder einmal bietet sich dem ordensseligen Deutschen die Gelegenheit, sich ein Abzeichen anzustecken – diesmal für eine gute Sache, und wie bereitwillig macht er davon Gebrauch. Ein ganz Eifriger gab sogar regelmäßig seine Positionsmeldungen durch, bis man ihm klar machte, daß dies nicht gewünscht werde. Ein anderer schrieb: „Ich habe schon einen Orden für die Brust, ich möchte auch noch den Orden des Goldenen Schuhs erwerben.“

Es waren übrigens recht beachtliche Männer, die sich als Gründungsmitglieder zur Verfügung stellten: Dr. Kurt Georg Kiesinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg; Minister Josef Hermann Dufhues.

Auch Konrad Adenauer hielt diese Idee für „vernünftig“. Er schrieb: „Diese Einrichtung ist sehr vernünftig. Leider habe ich z. Z. sehr wenig Gelegenheit und Zeit spazieren zu gehen. – Mit freundlichen Grüßen – Adenauer

Henry Jaeger