Die Deutschen vom „Gift des Nationalsozialismus“ zu befreien – dies war die Aufgabe, die sich die Siegermächte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellten. So kam es zum Mammutverfahren der Entnazifizierung, deren Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten noch in die Gegenwart nachwirken. Im Gebiet der Bundesrepublik wurden damals 13 Millionen Menschen überprüft. Dieses KapiteldeutscherNachkriegsgeschichte schildert Klaus Bölling in seinem Buch „Die zweite Republik“, das bei Kiepenheuer & Witsch erscheint.

/ Von Klaus Bölling Fs gab in Deutschland nicht die objektiven Bedingungen für eine Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Deutschen selber. Diese Aufgabe konnte nur als Teil der Liquidation des Hitler-Staates durch die militärischen Sieger gelöst werden. Natürlich waren die Sieger Partei, auch wenn sie ohne allen Zweifel die moralische Legitimation hatten, über ein Regime Gericht zu halten, das ganz Europa mit Krieg und mit Gewalt überzogen hatte.

Erst allmählich erwarben die Alliierten eine annähernd genaue Vorstellung von der Kompliziertheit der Verhältnisse in Deutschland. Ihre Versuche, die Schuldigen von den Schuldlosen, die Mitläufer von den überzeugten Ja-Sagern zu trennen und für jede dieser Gruppen eine gerechte Strafe zu finden, konnte aber der Sache nach nicht gelingen. Sie wollten erklärtermaßen nicht Rache nehmen. Sie wollten differenzieren. Sie wollten nicht nur die Partei Hitlers zur Rechenschaft ziehen. Sie wollten ihren Geist verschwinden machen. Sie mußten eines Tages erkennen, daß ihre Mittel begrenzter waren, als sie in diesem Augenblick glaubten.

Schon in dem Wort Entnazifizierung, das ein häßliches Wort ist, mochte sich andeuten, daß die Sache nicht gut ausgehen könne. Heute ist der Versuch der Alliierten, eine Revolution durch Fragebogen zu ersetzen, in Deutschland allenfalls noch Gegenstand ironischer Erinnerungen. Man rechnet die Entnazifizierung zu den „Jugendsünden“ der westlichen Verbündeten.

In den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz hatte es geheißen: „Alle Mitglieder der NSDAP, die mehr als nominell an ihrer Tätigkeit teilgenommen haben, und alle Personen, die den alliierten Zielen feindlich gegenüberstehen, sind aus den öffentlichen und halböffentlichen und von den verantwortlichen Posten in wichtigen Privatunternehmen zu entfernen.“ Das war leichter ins Protokoll geschrieben, als nach dem Tage der deutschen Kapitulation in die Wirklichkeit umgesetzt. Als Rechtsgrundlage für die Bestrafung der ehemaligen Nationalsozialisten diente den Alliierten das vom Kontrollrat beschlossene Gesetz Nummer 10. Dieses Gesetz gründete sich wiederum auf die Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943, „betreffend die Verantwortlichkeit der Hitler-Anhänger für begangene Greueltaten“ und auf das Londoner Abkommen vom 8. August 1945 über „die Verfolgung und Bestrafung von Hauptkriegsverbrechern der europäischen Achse“.

Mit diesen Beschlüssen konnten die lokalen Befehlshaber der Militärregierungen allerdings wenig anfangen. Etwa acht Millionen Deutsche waren Mitglieder der NSDAP gewesen. Obwohl die Sieger versprochen hatten, die Entnazifizierung nach den Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit zu betreiben, wurden auch solche Deutsche in die Internierungslager gebracht, die es nicht verdient hatten.

In den Internierungslagern waren freilich bei weitem nicht so viele Deutsche inhaftiert, wie es nachher gelegentlich dargestellt worden ist. Im Spätsommer 1945 wurden in den Lagern der amerikanischen Zone etwa 66 500 Personen festgehalten. Von den Engländern waren ungefähr 70 000 Aktivisten der Hitler-Partei interniert worden. Von der Internierung war also nur eine verschwindend kleine Minderheit betroffen.