Hat es ein junger Autor heute schwer? Ja und nein. Wenn er einigermaßen schreiben kann, findet er mühelos einen Verleger. Aber auch gelesen möchte er werden, und so wünscht sich der junge Mann, daß seine Bücher verkauft und nicht nur herumgeliehen werden. Es ist daher schwer erfindlich, weshalb das in mancher Hinsicht so faszinierende Büchlein von

Horst Bingel: „Die Koffer des Felix Lumpach“, Geschichten; Insel Verlag, Frankfurt; 78 S., 9,80 DM

so teuer ist. Dem Autor wäre mit einer wohlfeilen Ausgabe besser gedient gewesen.

Die zweiundzwanzig Geschichten, die Horst Bingel vorlegt, sind in drei Abschnitte eingeteilt, ein dreifaches Crescendo, das vom fast verständlich Normalen über Surreales, Kaustisches und Hybrides anschwillt zu makabrem, schwarzem Humor, der sich bis ins Mystische steigert.

Es ist eine verrückte Welt, in der alle Gesetze der üblichen Logik aufgehoben sind, eine teils über-, teils unterbelichtete skurrile Welt des verspielten Eigensinns und des sarkastischen Hohns auf die Denk- und Gefühlsgewohnheiten des Normalbürgers. Die Wirklichkeit ist ja gar nicht so wirklich, wie sie tut. Kinder und Dichter sehen sie mit anderen Augen als etwa Politiker und Pedanten. Mehr und mehr dämmert die Erkenntnis, daß die gottgewollte Ordnung eine Fiktion oder eine Ausgeburt menschlichen Simplifikationstriebs ist. Was im Märchen dem Kind selbstverständlich und unbezweifelbar ist, das mutet uns heute auch im Alltag fast vertraut an. Der Mensch fliegt beliebig hoch und beliebig weit, er kann Stimmen aus dem Weltall hören, er kennt Drogen, die ihn in einen andern Menschen verwandeln, er erweckt Tote, verpflanzt Organe, gebietet über Kräfte, die ihm unheimliche Macht verleihen. Dem Fernsehkind kann man heute nicht mehr weismachen, daß der liebe Gott einen Rauschebart habe. Doch daß die Schwerkraft aufgehoben, daß die Rückseite des Mondes photographiert werden kann, das weiß es. Das wissen ja auch die Erwachsenen, weigern sich aber hartnäckig, in der Literatur dergleichen zur Kenntnis zu nehmen.

Was fangen die Leute mit den Romantikern an? Was mit Kleist, Büchner, Hebel, Jean Paul? Nun, die sind seit hundert und mehr Jahren tot, sie haben ihre Patina, und de mortuis nil nisi bene. Die sie lesen, wissen, daß es bei ihnen eine innere Logik gibt, die sich nicht immer mit der Schullogik deckt und ihren eigenen Gesetzen folgt, der Logik der Phantasie.

Horst, Bingel kommt aus dem Kreis um V. O. Stomps, den Vater der Rabenpresse, den „Löwen von Stierstadt“, den Betreuer der heutigen Eremitenpresse, deren herrliche Handdrucke so manchen heute Berühmten zum erstenmal ans Licht brachten. Der Dreißigjährige, als Redakteur der Streit-Zeit-Schrift und als Herausgeber einer Lyrik-Anthologie bekannt geworden, nach- und nebeneinander Maler, Bildhauer, Buchhändler, Fischereiaufseher an der Riviera, Jugendherbergsleiter in Lerici, lebt heute als freier Schriftsteller in Frankfurt und arbeitet – nein, nicht an einem Theaterstück, sondern an einem Roman.