„Die Totenliste“ (USA; Universal-Filmverleih): Unmöglich, die Verwicklungen dieses Kreuzworträtsel-Thrillers nachzuerzählen, unnötig auch, denn die sinistre Mord- und Entlarvungsgeschichte ist nur ein Attribut der sarkastischen Beschwörung eines Milieus und seiner Menschen, des Hochadels der britischen Insel. Hier schreit jedes Möbelstück nach Mord. Der größte Frevel des vielgesichtigen Massenmörders (Kirk Douglas) besteht darin, daß er eine adlige Jagdgesellschaft mittels einer eingesackten Katze nasführt – dies, nachdem sich der Marquis of Gleneyre zuvor über den amerikanischen „Unfug der Schleppjagden“ empört hat! Aber nicht nur das antiquierte Adelsmilieu, auch das Genre der Geschichte wirkt verstaubt: die Detektivgeschichte mit dem Helden, der alles selbst herausfindet, und dem Verbrecher, der von irrationaler Bosheit erfüllt ist („das Böse ist“, muß er selbst philosophieren). Der Geschichte wäre es besser bekommen, wenn sie in der Zeit Eduards VII. angesiedelt worden wäre statt in der Gegenwart – eine Flugzeugkatastrophe und Hinweise auf eine Gefangenschaft in Burma wirken hier deplaciert. Eine überflüssige Dreingabe ist auch der Mummenschanz, veranstaltet von Regisseur John Huston mit einigen Stars, die unter unförmigen Masken kurze Auftritte absolvieren.

„Lautlos wie die Nacht“ (Frankreich; Verleih: MGM): Jean Gabin ist der de Gaulle des französischen Films, und Michel Audiard schreibt ihm die Reden. Hier heißt der große Mann auch wirklich Charles. Er hat Weib und Haus – ein gediegenes, altmodisches Einfamilienhaus inmitten einer supermodernen Pariser Vorstadt, (das Bild muß Regisseur Henri Verneuil gefallen haben). Charles könnte sich zur Ruhe setzen, aber es lockt ihn die Tat, der große Coup (er ist nämlich Gangster – aber ein wahrer Aristokrat unter Seinesgleichen): der Überfall auf die Kasse des Spielkasinos von Cannes. (Daß er sich mit der Beute endgültig zur Ruhe setzen will, ist unglaubwürdig: Was er hat, würde dazu durchaus reichen.) Der Führer braucht Gefolgschaft. Er findet sie in der Gestalt Alain Delons. Bedenkenlos, tatendurstig, stahlhart, ist er das ideale Instrument. Er dringt in den Tresorraum ein und hält die Wächter in Schach; der Meister braucht die Millionen nur einzusacken Daß sie am Ende doch verlorengehen, ist nicht seine Schuld. Auch in der Niederlage bewahrt der große Mann Würde, und dem Zuschauer bleibt es erspart, Handschellen an seinen Gelenken zu sehen. pat

„Gesprengte Ketten“ (USA; Verleih: United Artists): Den deutschen Wischiwaschititel hat sich der Verleih ausgedacht. Ein historischer Abenteuerfilm? Aber nein! Im Original heißt der Film „The Great Escape“ und erzählt – nach dem gleichnamigen Erlebnisbericht von Paul Bricknill – eine Geschichte aus dem letzten Weltkrieg: Alliierte Offiziere unternehmen einen Massenausbruch aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager. Ausnahmsweise ist dem Film mit der Umbenennung kein Unrecht geschehen, denn Regisseur John Sturzes verformte Hitler-Deutschland in eine keimfreie, blitzblanke Abenteuerlandschaft. Statt Schwierigkeiten und Probleme gibt es – wie bequem ist es doch! – das Gute und das Böse. Gut sind die alliierten und die deutschen Offiziere (Hannes Messemer als zweifelnder deutscher Luftwaffenoberst, Robert Graf als sensibler Wachsoldat). Der böse Feind, das sind Gestapo und SS; schnappen sie die flüchtigen Gefangenen? Das gibt muntere, endlose Verfolgungsjagden (Filmdauer: drei Stunden); ein Jux wie in der „Feuerzangenbowle“. – Der Regisseur verstand sein Handwerk; er machte einen schönen, problemlosen Film. Aber durfte er Hitler-Deutschland zur Abenteuerlandschaft verzerren? Wer solche Filme ohne Widerspruch hinnimmt, bereitet das nächste große Abenteuer vor. kub