„Gibt es noch ein Proletariat?“ mit Beiträgen von Hans Paul Bahrdt, Walter Dirks, Walter Maria Guggenheimer, Paul Jostock, Burkart Lutz, Heinz Theo Risse, herausgegeben von Marianne Feuersenger; Sammlung „Res Novae“, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt; 101 S., 6,80 DM.

Zum Schlagwort ist die Behauptung geworden, wir lebten in einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft, es gebe keine Klassenunterschiede und keine Proletarier mehr, jedem stunden jeder Aufstieg und alle Berufe offen, nur auf seine Leistung käme es an. Hinweise auf den Konsum der Arbeitnehmer (Auto, Fernsehapparat, Mittelmeerreise) sollen die Behauptung abstützen und die gesellschaftlichen Antagonismen vertuschen.

Von dem einen Hofkehrerssohn, der es bis zum Prokuristen gebracht hat, wird immer wieder erzählt – aber daß nur etwa fünf Prozent aller Studenten aus Arbeiterkreisen kommen, wird geflissentlich übergangen. Über den Graben der Klassengegensätze hinweg ist ein kollektives Bewußtsein entstanden: konsum-orientiert, sich abfindend. Der Arbeitnehmer im weitesten Sinne hat zwar noch ein vages Bild „von denen da oben“ und „denen da unten“, aber meint, es müsse halt alles so sein.

Ein schmales, aber eminent mutiges und wichtiges Buch beleuchtet diese wichtige Situation.

Es hilft zunächst durch simple Richtigstellungen, indem es die angeblichen politischen und sozialen Axiome gründlich dementiert, und es hilft durch eine Fülle exakter Details.

Der erste, polemisch zugespitzte Aufsatz (von Paul Jostock) bejaht die Titelfrage und warnt davor, den verschwundenen Pauperismus frühkapitalistischen Zuschnitts mit einer vollständigen Entproletelarisierung zu verwechseln.

Burkart Lutz untersucht den Einfluß des technischen Fortschritts auf unsere Gesellschaft und stellt einen allgemeinen, durch die Kompliziertheit ihrer Struktur bedingten Konformismus fest. Resignation, Flucht ins Privatleben und in den Genuß der negativen Freiheit, den die Arbeitszeitverkürzung mit sich bringt, führen einen „sanften, aber unmenschlichen Dämmerschlaf materiell gesättigter, aber geistig und politisch unmündiger Verbraucher“ mit sich. Im Verborgenen blühen die alten Machtverhältnisse weiter, nachdem „technischer, wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt die Grundlagen der traditionellen, offenen und brutalen Herrschaft einer Minderheit über eine Mehrheit beseitigt haben“. Walter Maria Guggenheimer untersucht die Wirklichkeitsferne unserer „Kulturgüter“ und weist auf verbürgerlichten Arbeiter hin, deren falsches Bewußtsein auch daher rührt, daß sie sich „die Freude daran, endlich mal dabeisein zu dürfen, nicht durch Aufforderungen verderben lassen will, gleich wieder dagegen sein zu sollen“.