Von Wolfgang Leppmann

Zu den Werken, die mancherorts als „Bücher, die geschrieben werden sollten“, in pectore geführt werden, gehört wohl auch eines über die heroischen, bisweilen pathetischen, immer aber fesselnden Versuche der großen europäischen Sammler und Museumsleiter, die ihnen anvertrauten Schätze in den Jahren 1933/45 vor Plünderung, Kriegseinwirkung und Verschleppung zu bewahren.

Es gibt zwar Bestandsaufnahmen dessen, was in besonders gefährdeten Bereichen erhalten und in einigen Fällen auch wieder zu organischer Einheit zusammengewachsen ist. Man weiß zum Beispiel, was an russischen Kirchen zerstört und was an „Entarteter Kunst“ noch vorhanden und wo es zu sehen ist. Wenn aber der betreffende Sammler oder Kustos nicht zufällig auch über Lust und Muße zu schriftstellerischer Betätigung verfügt, gehen diese Bestandsaufnahmen nicht über Form und Inhalt eines Katalogs hinaus.

Bei den transportablen Kunstschätzen zumal, bei Gemälden, Bibliotheken, Manuskripten, Musikinstrumenten und Sammlungen aller Art, ist man auf Memoiren und Monographien angewiesen. Eine solche über Tod und Auferstehung der Frankfurter Goethe-Schätze und -Stätten geliefert zu haben, ist eines der Verdienste des von Detlev Lüders herausgegebenen

„Jahrbuchs des Freien Deutschen Hochstifts 1962“; Max Niemeyer Verlag, Tübingen; 602 S., 28,– DM.

Da erfährt man unter anderem von der Odyssee der Gemäldesammlung aus dem Goethehaus, deren zweite Phase in der mondklaren Nacht des 28. August 1941 begann (ob das Datum aus Pietät oder aus praktischen Erwägungen heraus gewählt wurde, geht aus dem Bericht nicht hervor), als zwölf Müllabfuhrwagen – „der einzige Wagenpark, den die Wehrmacht der Stadt gelassen hatte“ – die Porträts Goethes und seiner Eltern, die Bilder von Lotte in Weimar und der Suleika der Gerbermühle sowie manches andere weltbekannte Werk von einem Versteck in ein anderes und sichereres brachten.

Bei der Lektüre dieses Berichts wird der Leser immer wieder an den damaligen Direktor des Freien Deutschen Hochstifts und an die seltsame Übereinstimmung zwischen ihm und dem jüngstverstorbenen Leiter der Ausgrabungen in Pompeji und Herkulaneum erinnert. Beide, Ernst Beutler in Frankfurt und Amedeo Maiuri in Neapel, mußten als Forscher, aber auch als Mehrer und Repräsentanten bereits bestehender geistiger Reiche ihr Lebenswerk in hohen Jahren noch gegen Kriegsgewalt und behördlichen Unverstand verteidigen. Beide bieten das leicht komische und doch ehrfurchtheischende Bild alter Herren, die alle weltfremde Gelahrtheit abstreifen, als es sich darum handelt, Transportmittel zu „organisieren“ und inmitten der Kriegshandlungen dem nächtlichen Wagenzug durch den Taunus oder die Campagna vorzustehen. Mit beiden spielte ein grausames und doch wieder blindgutmütiges Schicksal, welches Zufälle von einer Ironie bewirkte, die man keinem Romanschriftsteller glauben würde. In einem Fall kehrten die Briefe, die Bettina und Clemens Brentano als Gäste der Savignys geschrieben hatten, nach über einem Jahrhundert wieder an ihren Ursprungsort zurück: Beutler lagerte sie für die Dauer des Krieges auf dem Savignyschen Hofgut Trages bei Somborn ein. – Im anderen Fall wurden Pompejanische Altertümer aus dem bedrohten Neapel an einen Ort geschafft, den man als hundertprozentig sicher betrachten zu können glaubte: ins Kloster Monte Cassino, aus dem Maiuri sie 1944 schleunigst wieder entfernen mußte.