Schon Siebzig, wird man sagen. Es gibt Begabungen, die nach ihren Äußerungen für jünger gehalten werden, als sie sind; es geht Scharoun darin wie dem mit ihm befreundeten Maler Theodor Werner, den man immer noch zu den Jungen rechnet.

Der große Outsider hat lange gebraucht, um auch in der Öffentlichkeit den Platz zu belegen, der ihm gebührt. Im Kreise der Kenner wußte man seit seiner Berufung an die Staatliche Akademie Breslau, 1925, Bescheid – eine der besten Akademien mit O. Moll, O. Schlemmer, Molzahn die die preußische Regierung gerade noch vor dem Antritt der Nazis schloß, als wollte sie ihnen im Banausentum zuvorkommen.

Der 70. Geburtstag fällt fast mit der Eröffnung der Philharmonie in Berlin zusammen, einem der Wunderwerke der modernen Baukunst und der vorläufigen Krönung von Scharouns Schaffen. Nachdem das Stadttheater in Kassel örtlichen Intrigen zum Opfer fiel und der Plan für das Nationaltheater in Mannheim nicht zur Ausführung kam, wollen wir uns glücklich schätzen, daß alle guten Geister, voran der Berliner Senat, ihre Hände über das Philharmonie-Projekt gehalten haben.

Was hat man nicht alles versucht, den ungewöhnlichen Plan zu Fall zu bringen, der kürzlich im Architectural Forum der Philharmonie des Lincoln-Center in New York gegenübergestellt wurde; der Vergleich Peter Blakes fiel ganz zugunsten des natürlichen Gestaltungsprozesses bei Scharoun aus. Organisch heißt für ihn: innere Organisation des Baus und seiner Beziehungen zur Umwelt, alles müsse funktionieren wie in der Natur. Die Philharmonie ist die Probe auf das Exempel.

Ein Hexagon, zeltartig, zwei Decken, Dachbinder (aus Sparsamkeitsgründen keine eingehängte Decke), pyramidenförmige Reflektoren an der Decke, die gleichzeitig Lichtquellen sind, leicht geneigte, gefaltete Wände, räumlich bedingte Einschnürung des Orchesters, so die Konstruktion. Idee des Baus: Musik im Mittelpunkt. Man sieht und hört von 2220 Plätzen gleich gut, die Sitzreihen steigen rund um das Orchesterpodium auf, in Gruppen gegliedert. Das Podium ist für gelegentliche theatralische Aufführungen versenkbar. Zu oberst Emporen für die Raummusik. Eine lebendig gegliederte Zuhörergemeinschaft entsteht aus Mensch, Raum, Musik. Die Umgänge und Treppen sind auf den ersten Blick labyrinthisch, beim Begehen klar und sinnvoll, die Orientierung wird erleichtert durch Farben (riesige farbige Fenster, abends von außen erleuchtet).

Nicht jede Arbeit macht sich bei Architekten bezahlt, und Scharoun hat besonders viel „unbezahlte“ und wenig beachtete Entwurfs- und Planungsarbeit geleistet, nicht nur in Berlin. Unvergessen sei sein Generalplan für den Wiederaufbau Berlins, den er als Leiter des sogenannten „Berliner Kollektivs“ 1946 ausarbeitete (nicht Flächennutzung, sondern Kräftewirkungen). Immerhin brachte ihm die Arbeit den Lehrstuhl für Städtebau an der Berliner Technischen Universität ein.

Im Wettbewerb „Hauptstadt Berlin“ entwickelte er 1958 Ideen für eine neue Gestalt der City. Von 1955 an begegnete seine planerische Tätigkeit in Charlottenburg-Nord seinen Wohnbauideen, nachdem diese ihn seit den zwanziger Jahren vordringlich beschäftigt hatten (Siemensstadt). Auf Grund statistischer Erhebungen, die sozialen, beruflichen, bevölkerungsstrukturellen Probleme, aber auch die Nachbarschaften betreffend, kam Scharoun zur Überwindung der anonymen Wohnungen des Zeilenbaus in den zwanziger Jahren und zur Erfindung von sogenannten „Wohngehöften“. In ihnen wohnen bestimmte Bevölkerungsgruppen verwandten Charakters (etwa 650 Bewohner) zwar nicht wie in einem Einfamilienhaus, aber, wie auch in den Stuttgarter Hochhäusern, den berechtigten Ansprüchen der Gegenwart gemäß.