Die letzten Sommerurlauber kehren aus den Ferien zurück, und die ersten Anfragen für den nächsten Sommer nach guten Ferienhäusern an der Ostsee liegen in der Redaktion vor. Dazwischen schieben sich täglich mehr neue bunte Prospekte und Faltblätter, die Auskunft über die Winterreisezeit geben. Und deutlicher als in den letzten Jahren wird die Frage gestellt: „Weiß oder heiß?“ Winterurlaub in den Bergen – oder der Kälte entfliehen und ferne sonnige Länder aufsuchen?

Die Reiseunternehmer sprechen von einer stürmischen Entwicklung der Flugtouristik. Einzelne Gesellschaften meldeten dreimal so viel Gäste wie in der gleichen Zeit 1962, und es zeichnet sich schon jetzt ab, daß auch dem Touristen der Pauschalreise mit Mengenrabatt kaum ein Ziel mehr zu fern ist.

Zehn Jahre hat es gedauert, bis das Vertrauen in Chartermaschinen und Reiseunternehmer in weiten Kreisen gefestigt war. Noch vor einigen Jahren hatte der Zusammenbruch des Reiseunternehmens Krukenberg die Aufwärtsentwicklung des Chartergeschäftes stark gebremst. Dieser Hamburger Unternehmer hatte wegen finanzieller Schwierigkeiten seine Gäste in Teneriffa länger, als sie wollten, und ohne Geld sitzen lassen. Der Schock hielt eine Weile an. Doch jetzt wollen wieder mehr und mehr Touristen fliegen, und schon ist der passende Ausdruck dafür gefunden: Sie seien „luftbewußt“ geworden. Ein Reiseunternehmen in Hannover meldet, daß in der Sommersaison nach dem Ausverkauf der Plätze im turnusmäßigen Sonderverkehr mit Chartermaschinen viele Urlauber im Liniendienst an ihre Ziele in Afrika und auf den Kanarischen Inseln befördert wurden. Und demnächst sollen als Chartermaschinen auch Düsenmaschinen eingesetzt werden.

Die billigsten Angebote über eine weite Strecke sind im Winterprogramm eine vierzehntägige Flugreise nach Teneriffa für 648 Mark (Scharnow) und für nur 595 Mark (Hummel sogar fünfzehn Tage). Worin der Unterschied dieser 53 Mark liegt, läßt sich noch nicht erkennen; denn es ist nicht gesagt, was man für den Grundpreis erhält. Die Konkurrenz ist scharf, und die Reiseunternehmer haben erfahren, daß der reiselustige Bundesbürger nicht ohne weiteres zahlt, was gefordert wird, sondern die Qualität prüft.

Wie das Deutsche Reisebüro (DER) meldet, stehen für die Weihnachtsreise an der Spitze aller Reisewünsche in ferne Länder zur Zeit die Arrangements in die „Bibelländer“ (Israel, Jordanien, Libanon). An zweiter Stelle folgt Südafrika. Unter den europäischen Ländern ist im Winter am begehrtesten Österreich, es folgen traditionsgemäß die Schweiz, Norditalien und Frankreich. Und in letzter Zeit holen Jugoslawien, Schweden, Norwegen und Spanien stark auf. In Deutschland sind vor. allem Bayern und der Schwarzwald gefragt.

Zum erstenmal hat eine Fluggesellschaft mit Liniendienst, die British Overseas Airways Corporation (BOAC), für die Saison 1963/64, einen 35seitigen Katalog veröffentlicht, der dem deutschen Touristen, Erholungssuchenden, Studienreisenden und „Geschäftsmann mit angehängter Ferienreise“ Reisen zu Flugpauschalpreisen in alle Welt anbietet. Amerika als Reiseziel hat zum erstenmal Indien und den Fernen Osten, das klassische Fernziel einer Pauschalreise, überflügelt. Doch haben auch die Fernost-Reisen wiederum um zehn Prozent zugenommen. Auch Inseln wie Malta, das demnächst unabhängig wird, und die Bermudas sind immer sichtbarer auf dem Programm.

Bei so viel Fernsehnsucht der Bundesbürger hat der deutsche Fremdenverkehr ein immer stärkeres Passivsaldo. Von 1950 bis 1957 nahm auch in Deutschland der Fremdenverkehr ständig zu, dann flutete die Reisewelle jedoch immer stärker über die Grenzen. In Geld ausgedrückt wurden im Jahre 1958 zum erstenmal die Einnahmen von 1,9 Milliarden Mark von den Ausgaben deutscher Reisender im Ausland um 145 Millionen überrundet. 1962 wurden 2,1 Milliarde Mark eingenommen und mehr als noch einmal soviel – 4,6 Milliarden – im Ausland ausgegeben, belebt durch den wachsenden Wohlstand und die Förderung des „Sozialtourismus“.