Wenn heute neue Aktien an der Börse Angeführt werden, dann kann der Anleger nicht ohne weiteres voraussetzen, daß dies zu einem Kurs geschieht, der schnelle Gewinne verspricht. Oftmals haben die bisherigen Alleininhaber der zur Börse drängenden Unternehmen sogar übertriebene Vorstellungen von dem Wert ihrer Gesellschaften, so daß sie zunächst einmal auf den Boden der Wirklichkeit gebracht werden müssen. Das ist meist Aufgabe des Bankenkonsortiums, das die Einführung der Aktien an den Börsen übernimmt. Denn für eine Bank ist es nicht gerade angenehm, Aktien in ihrer Kundschaft placiert zu haben, deren Kurse sofort danach zu sinken beginnen. Man muß deshalb zu einem vernünftigen Kompromiß kommen, der sich allerdings leichter erzielen läßt, wenn die Börse insgesamt nach oben tendiert. Denn dann besteht die berechtigte Aussicht, daß auch die neu eingeführten Aktien aufwärts marschieren. Im übrigen geht man an den Börsen immer mehr dazu über, neuen Aktien im sogenannten „Freiverkehr“ eine Bewährungszeit zu verordnen, ehe sie „amtlich“ notiert werden. Im Freiverkehr pendelt sich nach einiger Zeit ein Kurs ein, der dann – wenn die Spekulationslust gedämpft worden ist – als marktgerecht bezeichnet werden kann.

Für das kommende Jahr zeichnet sich die Börseneinführung der Aktien der Henschel-Werke AG, Kassel, ab. Bei den Henschel-Werken wird schon seit Jahren auf diesen Tag hingearbeitet. Der Versuch, das Unternehmen einem US-Konzern anzugliedern, war vor einigen Jahren gescheitert. Daß man bei Henschel so viel Zeit bis zur Börsenreife braucht, erklärt sich daraus, daß der heutige Hauptaktionär und Vorstandsvorsitzende, Dr. Fritz Aurel Goergen, 1958 ein am Boden liegendes Unternehmen zu übernehmen hatte. Seine Aufgabe bestand zunächst in zwei Dingen. Er mußte für das Werk eine neue unternehmerische Konzeption finden und außerdem eine Kapitalbasis schaffen, die das Aufbauwerk tragen konnte. Beides ist jetzt gelungen.

Das Produktionsprogramm wurde gestutzt; was nicht ausreichend rentabel war, verschwand. Das Schwergewicht liegt wieder beim Bau schwerer Lastkraftwagen. 53 % des Umsatzes entfallen auf diesen Fabrikationszweig. Er hat noch nicht die letzte Gestalt erfahren. Geplant ist der Bau eines Motorenwerks, wahrscheinlich außerhalb Kassels. Zur Abrundung des Produktionsprogramms ist mit der Rootes Motors Limited ein Vertrag abgeschlossen worden, der Henschel die alleinigen Vertriebsrechte für Rootes Lkw von 1,5 bis 81 Nutzlast für den europäischen Raum sichert. Die Henschel Finanzierungs GmbH hat das Leasing-Geschäft aufgenommen; ihm mißt Goergen für die Zukunft besondere Bedeutung bei, nicht zuletzt auch bei Lastkraftwagen.

Die Umsatzentwicklung im Lokomotivgeschäft war in diesem Jahr bisher erfreulich. Großaufträge aus dem In- und Ausland sichern die Beschäftigung bis 1965. Unter den übrigen Henschel-Erzeugnissen, vor allem Schwermaschinen und Dampferzeugern, sind kunststoffverarbeitende Maschinen besonders wichtig. Auf dem Gebiet der Sonderfertigung hat Henschel mit der Firma Rheinstahl-Hanomag eine gemeinsame Gesellschaft gegründet, die einen Großauftrag des Bundes über Kettenfahrzeuge (Panzer) als Generalunternehmer abwickeln wird.

Von wachsender Bedeutung wird für Henschel das Planungsgeschäft; die Konstruktionsabteilungen werden in zunehmendem Umfang als Dienstleistungsbetriebe für den Entwurf von Fabrikanlagen u. ä. eingesetzt.

Der Umsatz ist von 200 Mill. DM im Jahre 1958 auf 480 Mill. DM im Berichtsjahr 1962 gestiegen. Damit ist das gesteckte Ziel erreicht. Für die kommenden Jahre soll die Expansion nicht mehr im Vordergrund stehen, sondern die Verbesserung der Ertragskraft. Wer börsenfähig sein will, muß eine angemessene Dividende vorzuweisen haben. Damit wird für 1963 bereits gerechnet.

Über die Höhe der Dividende bestehen vermutlich feste Vorstellungen, denn sonst würden sich die amerikanischen Partner von Dr. Fritz Aurel Goergen (es handelt sich um eine Gruppe von amerikanischen Anlagegesellschaften und Pensionsfonds, die 44 % des 53 Mill. DM betragenden Aktienkapitals in Besitz hat) sicherlich nicht zu einer Kapitalerhöhung bereit erklärt haben, die einen Ausgabekurs für die jungen Aktien von 150 % vorsieht. Die amerikanische Gruppe muß auf eine angemessene Rendite drängen, aber auch auf die Börseneinführung, damit sie ihre Papiere als eine „liquide“ Anlage betrachten kann. Fritz Aurel Goergen besitzt 52 % der Henschel-Aktien. Der Rest liegt in den Händen anderer Vorstandsmitglieder.