Von Katharina Elisabeth Rüssel

An dem Sprichwort, daß „Kleider Leute machen“, ist immer noch etwas Wahres. Aber daß der bloße Name genügt, neue Modetrends aus alten Kamellen zu lancieren, beweist jetzt das sogenannte Terrassen-Kleid, das, ohne seinen Charakter zu ändern, sich im Winter Kaminkleid nennt. Seit langer Zeit krähte kein Hahn mehr nach dem guten, alten Hauskleid. Erst als es sich verfeinerte und unter der prätentiösen Bezeichnung „hostess gown“ wiedererstand, wurde es von jenen beachtet, die über Mittel und Muße verfügten, als „Gastgeberin“ und Herrin von Haus- oder Luxus-Appartements aufzutreten. Allerdings gehörte es trotz seiner unbestreitbar freundlichen und ästhetischen Eigenschaften bisher zu den modischen Minoritäten. Man wußte von seiner Existenz, machte aber wenig Gebrauch davon

... bis eines Tages Marc Bohan, der stille und einfallsreiche Modellist des Hauses Christian Dior, auf die Idee kam, ein paar abendlich wirkende Modelle zu entwerfen, die fast bodenlang sind, die sich aber wohltuend von den Gala-Toiletten für „ganz große häusliche Gelegenheiten“ unterschieden: Sie waren nicht pompös, hatten keine Glitzereffekte, und sie haben dank ihrer Zwanglosigkeit einen Schuß vom „Heimchen am Herd“ abbekommen. Dazu hatte Bohan den brillanten Einfall, diese Modelle mit einem Namen zu versehen, der aufhorchen ließ. Und weil es gerade Sommer war, nannte er sie – „Terrassenkleider“.

Was ist das eigentlich: eine rohe de terrasse? Unter den Modereportern in Paris hub ein Rätselraten ob dieser mysteriösen Bezeichnung an. Sicher schien nur eines: Man trägt diese engen Kleider am Abend statt der so beliebten langen Hosen. Sie haben einen Schuß von Romantik, schlagen der allzu burschikosen Beatnik-Mode ein Schnippchen und lassen sogar die abgehetzte Hausfrau damenhaft und als „lady of leisure“ – als eine Dame mit viel freier Zeit – erscheinen. Die Kleider kamen, wie man sagt, gut an. Von den Salons in der Avenue Montaigne schlichen sie sich schnell in die anderen Couture-Häuser ein, und der Weg von der Pariser Metropole in die internationale Konfektion war nun ein Katzensprung.

Nicht nur aus Chiffon, aus malerisch fallenden Seiden und hauchzarten Lamés, auch aus bescheideneren Geweben wie Azetat, Tricel, Nylon, Terylene, Orlon und Leinen treten sie in den Warenhäusern und Fachgeschäften von London, New York, Rom auf. Selbst die Spötter konnten dem neuen alten Hauskleid nur wenig anhaben. Man muß zugeben: Ein bißchen Geschicklichkeit gehört sicherlich dazu, im bodenlangen, oft schmalen Terrassenkleid in der Küche letzte Hand an kulinarische Überraschungen für die Gäste zu legen.

Natürlich hat das Wort „Terrassenkleid“ einen sommerlichen Beigeschmack. Aber die Idee war zu gut, als daß sie nach einer Saison schon zu Grabe getragen würde. So avancierte es im Spätsommer mutatis mutandis zum „Kaminkleid“ und brauchte sein wirkliches Wesen gar nicht zu ändern. Es genügte, daß es sich eine dickere Haut zulegte. Statt aus spinnwebzarten Hochsommerstoffen erscheint es nunmehr aus porösen, molligen und trotzdem leichtgewichtigen Mohair-Tweeds.

Diese Zwitterkleider gestatten der Frau, die daran Gefallen findet, mit kleinen oder größeren „Hahnentritten“ durch Wohnküche oder „Studio“ zu schreiten. Eine der guten Seiten des Terrassen- alias Kaminkleides ist nämlich, daß es erst dann zur Geltung kommt, wenn man ihm gewisse Tribute zollt: Es verlangt Haltung und vor allem gut abgemessene Bewegungen, kurzum das, was man in Frankreich so treffend und ohne Anmaßung mit Allüre bezeichnet. Überdies kann man bei seiner Zusammenstellung Geschmack und Erfindungsgabe ans schummrige Kerzenlicht des intimen Beisammenseins oder unter die gnadenlosen Strahlen des Kronleuchters bringen.