R. B., Berlin

Beinahe hätte es in Westberlin ein offizielles Gebäude der Sowjets gegeben, beinahe. Der Senat neigte dazu, den Plan gutzuheißen. Doch dann kamen die Stadtkommandanten und machten einen Strich durch die sowjetische Rechnung.

Die sowjetische Regierung verfügt noch heute in Berlin über Besitz. Dazu gehört ein völlig verwahrlostes Haus in der Lietzenburger Straße, im Bezirk Charlottenburg, mitten im britischen Sektor. Vor dem Kriege war dort die sowjetische Handelsmission untergebracht, später zog dort das Ministerium Rosenberg ein. Kürzlich nun flatterte dem zuständigen Bezirksbeamten ein sowjetischer Antrag auf Genehmigung für einen Erweiterungsbau auf den Tisch. Der Regierende Bürgermeister, am Ende damit befaßt, übergab die Sache den alliierten Schutzmächten, und diese übernahmen die Regelung der Angelegenheit.

Die Sowjets wollten alle Einrichtungen, die es in Westberlin schon gibt, in diesem Haus zusammenziehen: das Reisebüro Intourist, die Sovexport GmbH und die Büros der Korrespondenten von den Rundfunkanstalten, dem Nachrichtenbüro TASS und von den Zeitungen.

Die Alliierten aber witterten hinter diesem Antrag Gefahren. Sollte der geplante Ausbau eines Fest- und Kinosaales für die Sovexport etwa Propagandaveranstaltungen dienen? Außerdem hegten einige Experten den Verdacht, die Sowjets könnten in der Lietzenburger Straße eine Handelsvertretung einrichten, die – wie sie auch genannt würde – einen staatlichen Charakter haben müßte. Und außerdem, so hieß es, würde man damit nur der sowjetischen Drei-Staaten-Theorie Vorschub leisten.

Freilich könnte selbst eine amtliche sowjetische Handelsvertretung in Westberlin nichts daran ändern, daß die Stadt zum Geltungsbereich des Handelsabkommens zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion gehört. Denn sämtliche Abschlüsse mit der UdSSR genehmigt, von einigen Ausnahmen abgesehen, das „Bundesamt für gewerbliche Wirtschaft“ oder die „Außenhandelsstelle für Erzeugnisse der Ernährung und Landwirtschaft“ in Frankfurt. Beide Dienststellen achten sorgfältig darauf, daß die zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik ausgehandelten Warenkontingente nicht durch einen separaten Berliner Handel überschritten werden.

Das Prinzip der Gegenseitigkeit und die Sorge um die Zugehörigkeit Berlins zum Bund waren also die wichtigsten Gründe der Schutzmächte, das sowjetische Projekt in Westberlin zu verhindern. Allerdings wählte die westalliierte Kommandantur eine bemerkenswerte Form der Absage. In ihrem Schreiben an den sowjetischen Botschafter Abrassimow, der bei der DDR-Regierung akkreditiert ist, heißt es, „daß der Erwerb, die Veräußerung oder die Nutzung jeglichen Grundbesitzes in den jeweiligen Sektoren Berlins durch die Sowjetunion oder für ihre Rechnung nunmehr die vorherige Zustimmung des Sektorenkommandanten erfordern“. Was die schon genutzten Gebäude betreffe, so sei für eine Änderung der Art ihrer Nutzung ebenfalls die vorherige Genehmigung notwendig. Sicherlich glaubten die Kommandanten, beraten durch ihre Stellvertreter, in diesen Zeiten sei es ein Gebot der Vernunft, sich doch noch alle Möglichkeiten offenzuhalten.