Eine Reise von tausend Meilen“ – so hat Präsident Kennedy den mühsamen und klippenreichen Weg genannt, den Ost und West zurücklegen müssen, bevor wirklich von einem Ende der friedensbedrohenden Spannungen die Rede sein kann. Das Moskauer Teststopp-Abkommen sei auf diesem langen Pfad nichts als ein erster Schritt gewesen.

Wird aber auf den ersten Schritt ein zweiter folgen – und wie lange wird er auf sich warten lassen? Immerhin hat jetzt in New York die zweite Beratungsrunde begonnen. Die Herbstsitzung der Vereinten Nationen gibt den Außenministern der Großmächte hinreichend Gelegenheit, vor und hinter den Kulissen abtastende Gespräche zu führen.

Der Kennedy-Regierung ist letzthin oft – und nicht zuletzt von deutscher Seite – vorgeworfen worden, sie gebe sich einer Entspannungs-Euphorie hin und verfolge ihre „Friedensstrategie“ blindlings und um jeden Preis. Davon kann aber doch wohl nicht die Rede sein.

Unser Washingtoner Mitarbeiter Thilo Koch berichtet über die Stimmung in der amerikanischen Hauptstadt: „Es ist keineswegs so, daß Kennedy voller Hoffnung auf den Flügeln des Testbann-Vertrages weiteren Entspannungsverhandlungen entgegenstrebte. Gelassene Skepsis ist heute überall in der amerikanischen Regierung anzutreffen, wo man nach der Devise zu handeln versucht: Der Konflikt wird nicht über Nacht verschwinden, aber wir müssen versuchen, ihn unter Kontrolle zu behalten. Auch Gromyko wird dieser gelassenen Skepsis begegnen, wenn er außer in New York bei der UNO auch in Washington den sowjetisch-amerikanischen Dialog fortsetzen sollte.“

Diese Beurteilung deckt sich ganz mit dem Eindruck, den die jüngste programmatische Rede Dean Rusks erweckte. „Wenn wir uns auf verschiedenen Teilgebieten mit der Sowjetunion zu verständigen trachten so erwarten wir davon keine wunderbare Wendung der sowjetischen Absichten gegenüber dem Westen,“ erklärte der amerikanische Außenminister und ging dann auf jene Einzelpunkte ein, über die eine Verständigung in absehbarer Zukunft denkbar sei. Vergleicht man diesen Rusk-Katalog mit einer ähnlichen Liste, die Chruschtschow in einem Prawda-Interview unlängst aufgestellt hat, dann ergibt sich eine Übereinstimmung immerhin in zwei Punkten: Erstens eine Verringerung der Produktion thermonuklearer Waffen und eine fortschreitende Reduzierung der bestehenden Arsenale; zweitens ein Übereinkommen zur Sicherung gegen einen Krieg durch Zufall oder Fehleinschätzung und gegen einen Überraschungsangriff.

Der britische Außenminister Lord Home hat noch einen weiteren Punkt hinzugefügt, über den sich ein Einvernehmen vielleicht schon bald erzielen läßt: eine Abmachung, die die Weitergabe von Kernwaffen an nichtnukleare Länder unterbände.

Aber auch was Rusk als weitere Wünschbarkeiten hinstellt, mag sich durchaus verwirklichen lassen, wenngleich Chruschtschow in seiner „Liste“ nicht darauf eingeht. Es würde sich hierbei um eine Verstärkung des Informations- und Besucheraustausches zwischen Ost und West handeln.