Innerhalb von zwei Jahren sind die Preise in Frankreich um fast 13 % gestiegen. Die Mieten haben sich von einem Jahr aufs andere um 14 % erhöht, nachdem sie seit der Franc-Abwertung 1958 bereits um über die Hälfte gestiegen waren. Die Brotpreise sind um 6,4 % heraufgegangen, Fleisch ist um 8,2 %, Obst und Gemüse um 10 % teurer geworden. Die Arztkosten sind um 5,8 % gestiegen, und selbst die Preise für Theaterbilletts haben sich um 14,3 % verteuert.

Was die Spatzen längst von den Dächern pfeifen, scheinen nun auch General de Gaulle und seine Regierung begriffen zu haben: Die Inflation ist auf dem Vormarsch. Die Preis- und Lohnentwicklung ist völlig außer Kontrolle geraten. Die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Industrie ist ernstlich in Gefahr und de Gaulle muß um sein Renomee besorgt sein.

Das ist der nüchterne Hintergrund, vor dem die jüngsten Maßnahmen der französischen Regierung zur „Stabilisierung“ der Wirtschaftslage gesehen werden müssen. Seit einer Woche gelten für eine Reihe, für die Lebenshaltung wichtiger Industriewaren die Preise vom 31. August – nach dem Willen der Regierung – als Höchstpreise.

Das ist ohne Zweifel die drastischste aller Maßnahmen. Demgegenüber mutet der Rest des Stabilisierungsprogramms vergleichsweise harmlos an: Zur Abschöpfung der Liquidität soll am 23. September eine Staatsanleihe von 2 Milliarden Franc mit attraktiven Bedingungen aufgelegt werden. Außerdem sollen die Kreditgewährung eingeschränkt und das Sparen begünstigt werden. Weiter sollen die Ratenkäufe auf dem Automobilmarkt eingeschränkt werden. Zu diesem Zweck wird die Anzahlung beim Kauf eines neuen Wagens, die bisher 25 % des Kaufpreises betrug, auf 30 % festgesetzt. Diese Maßnahme wird sich – in Verbindung mit einer Verkürzung der Zahlungsfristen – ohne Zweifel noch am ehesten auswirken, denn 43 % aller Wagen werden in Frankreich auf Kredit gekauft. Der Fernsehgerätemarkt ist ebenfalls von dieser Neuregelung betroffen. Die Mindestanzahlungen sollen von 20 auf 25 % erhöht werden.

Das sind höchst unpopuläre – und mit Rücksicht auf die Beschäftigung in der Automobilindustrie nicht ungefährliche – Maßnahmen, zu denen sich die französische Regierung wohl kaum verstanden hätte, wenn sie nicht gleichzeitig mit Trostpflästerchen für die französischen Verbraucher verbunden wären. So sind die Schachtel Gauloise – die beliebteste französische Zigarette – um 5 Centimes und das Benzin um 2 Centimes billiger geworden. Beifall dürfte außerdem die Ankündigung gefunden haben, daß man der Grundstücks- und Häuserspekulation durch eine erhöhte Besteuerung zu Leibe rücken will. Schließlich kann es den Franzosen nur recht sein, wenn demnächst 76 000 junge Leute aus dem Militärdienst entlassen und zur Beschleunigung der Berufsausbildung erhöhte Kredite bereitgestellt werden.

Alle diese Zugeständnisse zielen zweifellos darauf ab, sich das Vertrauen der französischen Verbraucher nicht vollends zu verscherzen. Sie können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Stabilisierungsprogramm eine verklausulierte Bankrotterklärung der französischen Wirtschaftspolitik ist. Die sieht sich nicht nur um ihre ehrgeizigen Ziele gebracht, sondern mittlerweile auch am Rande einer allgemeinen Wirtschaftskrise. Indem sie einen Preisstopp verfügt – und damit in den plumpesten Dirigismus verfällt –, vertuscht sie im Grunde nur die Symptome einer Krankheit, die sie durch eine verfehlte Ausgaben- und Kreditpolitik hervorgerufen hat.

Immerhin, einige Maßnahmen lassen darauf schließen, daß die französische Regierung die eigentlichen Wurzeln des Übels durchaus erkannt hat. An erster Stelle wäre die drastische Kürzung des Haushalts für 1964 um 2,2 Milliarden Francs zu nennen, des weiteren die Verringerung des Kreditspielraums der Banken. Es scheint wahrhaftig an der Zeit, der Geldvermehrung einen Riegel vorzuschieben, nachdem seit der Franc-Abwertung vor vier Jahren das Geldvolumen um 74 % angeschwollen ist – bei einer Stei-... gerung des Sozialprodukts um nur 22 %! Es ist allerdings die Frage, ob die französische Regierung nicht schon zu spät zur Einsicht gelangt ist – nachdem nämlich das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Eine weitere Frage ist die, ob und in welchem Maße die Gewerkschaften gewillt sind, die de Gaulleschen Maßhalteforderungen zu beherzigen.