Von Dietrich Kuhlbrodt

Endlich ist die deutsche Filmindustrie dabei, sich gesundzuschrumpfen. Ein überfälliger und heilsamer Prozeß: ein überalteter und unrationeller Wirtschaftszweig, der sich nicht, um den Nachwuchs kümmert und infolgedessen unfähig ist, sich zu regenerieren und sich auf die neue Entwicklung der Massenmedien einzustellen, stirbt ab und macht denen Platz, die er ausgeschlossen hatte: dem Fernsehen, dem Filmnachwuchs.

In dieser Stunde geschieht etwas Verblüffendes. In letzter Minute wirft sich der junge deutsche Film („Marke“ Oberhausen) unserem guten alten Kino an den Hals und will ihm wieder auf die Beine helfen. Es versteht sich, daß unsere verkorkste Filmindustrie mit einem Male für den bisher verschmähten Filmnachwuchs etwas erübrigt (materiell ausgedrückt: hunderttausend Mark pro Jung-Film). Ein seltsames Bündnis. Soll denn dieser Summe wegen ein überholter und schädlicher Zustand künstlich aufrechterhalten werden?

Das seltsame Bündnis war auf der Klausurtagung der Evangelischen Akademie Berlin am vergangenen Wochenende zu besichtigen. Veranstalter waren Pastor Claus Heitmann und der Kölner Fernsehredakteur’ Reinold E. Thiel; ihnen ist ein höchst informatives Schauspiel zu verdanken. Vertreter der Film Wirtschaft, der Wissenschaft, der Filmpraxis und der Kritik debattierten über die Frage „Wer fördert welche Filme?“ Und dabei ging es in erster Linie um das geplante Filmhilfegesetz. Dieses Gesetz, für das im Bundestag seltsamerweise nicht ein wirtschafts-, sondern ein kulturpolitischer Ausschuß (unter dem Vorsitz von Dr. Martin) zuständig ist, soll auf parlamentarischem Wege unserer überlebten Filmproduktion Gelder einbringen – nach der Regel: wo Geld ist, kommt Geld hin. Anders ausgedrückt: wessen Film am meisten einspielt, bekommt am meisten Unterstützung. Ein nationales Unglück: von Gesetzes wegen soll das „Minderwertige gefördert werden“, wie Dietmar Schmidt in Berlin sagte; denn letztes Jahr waren „Der Würger von Blackmoor“, Der schwarze Abt“, „SOS am der Fraueninsel“ deutsche Kassenerfolge.

Der unselige Martinplan ist ein Symptom für den endgültigen Verfall der Filmkultur hierzulande. An anderen Symptomen fehlt es nicht, und sie kamen in Berlin gebührend zur Sprache. Ein Vertreter der Filmindustrie erklärte, Qualität sei nicht Sache der Wirtschaft, sondern Sache des Staates (bei Verlagen denkt man anders: Dort trägt ein unqualifizierbares Produkt eine gute Zeitschrift). Die FSK macht politsche Schnitte (der Fall des De-Sica-Filmes „Die Eingeschlossenen von Altona“), und der Verleih macht von dem Beschwerderecht nicht Gebrauch. Das „Deutsche Institut für Filmkunde“ sieht nicht ein, warum es seine unbekannten Schätze – 550 000 Meter Film – katalogisieren soll.

Von Filmkultur ist bei uns nicht zu reden, und in Berlin resignierte Hans Rolf Strobel zusammen mit Heinz Tichawsky, markantester Vertreter des jungen Films („Notabene Mezzogiorno“), nach jahrelangen Kontaktversuchen mit der deutschen Filmindustrie: „Es gibt keine Basis für ein Gespräch in Deutschland. In Italien aber und in Frankreich ...“ und: „Wenn es das Fernsehen nicht gäbe, gäbe es in Europa den jungen Film nicht.“

Tatsächlich. Strobel/Tichawskys Filme wurden im Ausland preisgekrönt oder bei uns im Fernsehen gezeigt. Das Fernsehen, das viele Funktionen von Papas Kino übernommen hat, hat auch die Pflichten übernommen: Es gibt jungen Filmleuten Gelegenheit, auf dem Bildschirm zu debütieren. Wir brauchen unsere pflichtvergessene Filmindustrie daher heute nicht mehr zu mahnen, ihre Aufgaben (Nachwuchspflege) zu erfüllen. Das ist nichts weiter als eine Schlußfolgerung aus den Sätzen von Strobel.