Lieber Freund,

es ist gut, daß Du Deinen Besuch verschoben hast. Ich wäre jetzt weder in der Stimmung, Dir Köln zu zeigen, noch gewappnet, mit Dir Gespräche zu führen. Unsere Rückkehr aus Italien stand unter einem ungünstigen Stern. Erst der Tiefschlag, den jeder empfängt, der aus einem anderen Klima in die Rheinebene zurückkehrt, dann die Überraschung, als wir in unsere Bonner Wohnung zurückkehrten. Meine Frau hatte unser gemeinsames Schlafzimmer „vercoucht“, wie die Kinder es nennen, in eine Art Boudoir verwandelt, obwohl sie weiß, daß ich Couchen nicht mag. Unsere Betten, zwei uralte Nußbaumkisten, in denen schon meine Großeltern die Holzwürmer haben klopfen hören, waren verschwunden, auch mein alter Schreibtisch, in dessen Platte ich schon als Dreizehnjähriger die Initialen der Mädchen einschnitt, in die ich verliebt war.

Innerhalb der knappen vierzehn Tage, die ich außerhalb der Wohnung verbrachte, eine „durchgehende und konsequente Modernisierung“, die ich dem Vater eines lateinschwachen Jungen verdanke, der offenbar Innenarchitekt ist!

Mein Versuch, mich im Wohnzimmer einzurichten, scheiterte, weil dort der Fernsehapparat steht, und mein bescheidener Vorschlag, „das Ding doch einfach wieder abzuschaffen“, brachte mir Blicke ein, wie sie ansonsten nur Unholden zugeworfen werden, die man auf frischer Tat ertappt hat. Als ich dann sagte: „Gut, dann schafft doch euren Vater ab“, erntete ich nur künstlichen Widerspruch. Meine Frau weinte zwar ein paar Tränen, als ich aber sagte, ich würde alle Rumpelkammern und Trödlerläden Bonns nach meinem Nußbaumbett absuchen, wurde sie schon fast wieder böse.

Kurz gesagt: es war ziemlich deutlich, daß ich zwar als Ferienvater Und Feriengatte ganz beliebt gewesen war, als ständiges Mobiliar jedoch als störend und überflüssig empfunden wurde.

Am Abend desselben Tages, während ich in dem jetzt vercouchten Schlafzimmer mißmutig die Zeitung las, wurde mir der Besuch eines „jungen Mannes“ gemeldet, der sich als Abgesandterder Regierung erwies und mir in freundlichen und kalten Worten erklärte, man sei bereit, mich vorzeitig zu pensionieren und die Akten „Beleidigung eines Vorgesetzten in Gegenwart von Schülern“ und „Edeltrud Herrling“ zu schließen; er wies auch auf eine leichte Kopfverletzung hin, aus der ich eine winzige Rente ziehe, bezeichnete meine Verletzung als „ausbaufähig“, zog ein fix und fertiges Schriftstück aus der Tasche, in dem ich selbst diesen vorgeschlagenen „Ausbau“ meiner Verletzung betrieb und um Zubilligung einer gewissen Unzurechnungsfähigkeit bat.

Ich unterschrieb, noch ganz unter dem Einfluß des Klimawechsels und des Kummers, den die Erkenntnis mir verursachte, daß ich zu Hause für überflüssig gehalten werde.