Seitdem sich die Einsicht durchgesetzt hat, daß der Krieg eine zu ernste Sache sei, als daß man ihn den Generälen und Politikern überlassen dürfe, haben sich die amerikanischen Akademiker seiner bemächtigt. Allenthalben in den Vereinigten Staaten sind Institute aus dem Erdboden geschossen, die sich dem Studium strategischer Probleme widmen, und längst hat sich der intellektuelle Schwerpunkt aus dem Pentagon dorthin verlagert. Die RAND-Corporation im kalifornischen Santa Monica, die zwei Bataillone von promovierten Zivil-Generalstäblern beschäftigt, ist die berühmteste, doch keineswegs die einzige derartige Einrichtung.

Im Vergleich dazu nimmt sich das Londoner Institut for Strategie Studies, dessen fünfte Jahreskonferenz am Wochenende in Cambridge von Dean Acheson eröffnet wird, ungemein bescheiden aus. Sechs Jahre nach seiner Gründung hat es immer noch nicht mehr als ein halbes Dutzend festangesteller Mitarbeiter. Indessen ist es in diesen sechs Jahren zu dem strategischen Forum Westeuropas geworden. Seine Mitgliederliste verzeichnet alles, was zwischen Eisernem Vorhang und Atlantik militärpolitischen Rang und Verstand hat. Die Bücher, die im Umkreis des Instituts entstanden sind (darunter auch Helmut Schmidts "Verteidigung oder Vergeltung"), haben weithin Beachtung gefunden. Die vielzitierte Aufstellung, die das Institut jeden Herbst über das militärische Kräfteverhältnis von Ost und West veröffentlicht, gilt in aller Welt als autoritativ. Und von Tokio bis Washington gibt es keinen Verteidigungsminister, dessen Tür Alastair Buchan, dem 45jährigen ISS-Direktor, nicht offen stünde.

Buchan sieht ein wenig aus wie Dieter Borsehe. Er redet zögernd, zieht dabei bedächtig an seiner Pfeife, wägt ab und überlegt – wie es einem Manne wohl ansteht, der mit einem Cockerspaniel, zwei Söhnen und drei Ponys auf einer Farm in Buckinghamshire lebt (daß sie Waterloo House heißt, muß bei dem Groß-Groß-Großneffen des Herzogs von Wellington nicht unbedingt Zufall sein). Für seinen Posten bringt er drei einzigartige Voraussetzungen mit: Er ist gelernter Historiker, er ist gelernter Stabsoffizier, und er ist gelernter Journalist. So kann er wissenschaftlich arbeiten, militärisch denken und verständlich schreiben. Diese Dreifachbegabung unterscheidet ihn von seinen amerikanischen Kollegen, von denen es die wenigsten auf mehr als die Kombination zweier dieser Fähigkeiten bringen.

Im übrigen hat es ihn eher wider Willen auf das Feld der Strategie verschlagen. Gewiß, schreiben wollte er schon immer, das lag ihm vom Vater John Buchan her im Blut, der sich als Historiker wie als Autor von Romanen à la John Knittel oder Rudolf Herzog einen Namen gemacht hatte. Aber ausgerechnet Militärschriftsteller? Er hatte Eton besucht, danach Christ Church an der Universität Oxford, schließlich als Stipendiat die Universität von Virginia. Dann kam der Zweite Weltkrieg, und Buchan, dessen Vater damals Generalgouverneur von Kanada war, rückte zu den 14. Kanadischen Husaren ein. Er war beim Überfall auf Dieppe dabei, absolvierte die Kriegsakademie, diente im Generalstab des 2. Kanadischen Korps und brachte es bis zum Major. Aber als er entlassen wurde, hoffte er, er werde nie wieder etwas mit dem Militär zu tun haben.

Zunächst versuchte er sich in der Politik, doch bewarb er sich als Kandidat der Liberalen Partei vergebens um den Unterhaussitz für Oxford. So wurde er Journalist, schrieb erst für den Economist und ging dann von 1951 bis 1955 für den Observer nach Washington. Dort jedoch erwachte von neuem sein Interesse für strategische Fragen. Von 1955 an war er zugleich diplomatischer Korrespondent und Militärkorrespondent des Observer, schließlich auch dessen stellvertretender Chefredakteur, bis er 1958 Direktor des Institute for Strategie Studies wurde.

"Sinn und Zweck des Institutes", so heißt es in den Statuten, "ist es, auf überparteilicher Basis das Studium, die Diskussion und den Informationsaustausch über den Einfluß moderner und nuklearer Waffen sowie Kriegsmethoden auf die Probleme der Verteidigung, der Strategie, der Abrüstung und der Weltpolitik zu fördern." Seine Interessen sind so international wie seine Mitglieder, die aus NATO-Staaten wie aus blockfreien Ländern kommen. Finanziert wird die Arbeit von amerikanischen und britischen Stiftungen (Ford, Rockefeller, Carnegie, Leverhulme, Nuffield), von Spenden großer Firmen und aus den Mitgliedsbeiträgen. Dem internationalen Beirat gehören Männer an wie Fritz Erler aus der Bundesrepublik, Raymond Aron aus Frankreich und Robert Bowle aus den USA; unter den rund 300 Mitgliedern sind zehn Deutsche. Vertrauliche Vorträge – auch Franz Josef Strauß hielt unlängst einen – und die jährlichen Konferenzen halten die Mitglieder auf dem Laufenden; die Zweimonatsschrift Survival gibt heute den präzisesten Überblick über den Stand der strategischen Diskussion in Ost und West.

Alastair Buchan ist alles andere als ein Kommißkopf, die reine Militärwissenschaft reizt ihn wenig. Was ihn indes immer wieder von neuem fasziniert, ist das Verhältnis von Politik und militärischer Macht im Atomzeitalter. Die Bombe und das westliche Bündnis – das ist sein großes Thema, darüber hat er unzählige Artikel und mittlerweile zwei Bücher geschrieben. Für eine gründliche Überholung der NATO-Struktur hat er detaillierte Vorschläge gemacht, und in letzter Zeit ist er geradezu besessen von der Frage, wie verhindert werden kann, daß die politische Sprengkraft des Atoms die atlantische Allianz auseinanderbricht. "Die Evolution der NATO und die Kontrolle der westlichen Strategie" heißt denn auch das Generalthema der Cambridge-Konferenz am Wochenende.