Von A. Natan

Die Baßpfeife des Dudelsacks brummt in der weichen Luft, die vom Golfstrom herüberweht, sommerreifes Gras duftet aus der Heide ringsherum, und in der Ferne sieht man die Figuren von Bergschotten in ihren kurzen Faltenröckchen auf einem Podium auf- und abschnellen. Das Knistern des Lautsprechers läßt sich vernehmen, als ein roh behauener Kiefernstamm aus den verschlungenen Handflächen wie ein Speer in die Luft geworfen wird. Die Highland Games, eine Art keltischer Olympischer Spiele, haben begonnen. Sie bieten ein Schauspiel, das in seiner Art sehr viel mit anderen Sportfesten gemeinsam hat, als Allgemeineindruck jedoch einzigartig geblieben ist. Die Autos, die um die durch Seile abgesteckte Austragungsfläche stehen, erinnern an eine Wildwestschau, Sprinten und Springen an ein leichtathletisches Sportfest, wobei nur die Aschenbahn fehlt, und der Einmarsch der Clans an die Parade ehemaliger Frontkämpfer. Der Ringkampf wirkt wie ein organisierter Streit zwischen wildgewordenen Matrosen, während der Wettlauf der Mütter irgendwie überhaupt nicht dazugehört. Aber der Dudelsackbläser, der graziöse Tänzer und der Schwergewichtler, die einzigen Teilnehmer, die obligatorisch das kurze Röckchen tragen müssen, sind an Wettstreiten beteiligt, wie man sie auf der ganzen Welt nicht noch einmal zu sehen bekommt.

Die schottischen Hochländer waren von jeher stolz auf ihre Gewandtheit und auf ihre Wettläufe auf die Gipfel ihrer Berge. Nicht ohne Grund stehen sie im Mittelpunkt alter Sagen und Legenden. Diese Highland Games finden den ganzen Sommer hindurch auf traditionellen Plätzen in besonders reizvoll gelegenen Flußtälern statt, die für das farbenreiche Bild eine großartige Kulisse abgeben. Die Wettkämpfe in Braemar stehen unter dem Protektorat der Königin, die im nahegelegenen Schloß Balmoral ihre Sommerferien zu verleben pflegt. Man spreche dort einmal mit alten Schotten über die Spiele. Männer, die längst aus dem „Schneider“ sind, üben sich immer noch auf ihren Bauernhöfen in den Schwergewichtswettkämpfen von Steinstoßen und dem Schleudern des Fichtenstammes. Ich kenne einen Mann, der mit 17 Jahren den Ersten Preis in Oban gewonnen hat und sich noch im letzten Jahr mit 40 Jahren plazieren konnte. Die großen Könner aus Vergangenheit und Gegenwart hinterlassen, ihre Steine und Stämme einem kleinen Museum in Oban, um der Jugend ein Beispiel zu setzen. Vieles mag heute bei diesen Highland Games kommerzialisiert sein. Sehr vieles, besonders aus jenen Spielen, für die außerhalb Schottlands keine Reklame geschlagen wird, ist noch waschechtes Volkskönnen und Volksbegeisterung. Dort versteht man noch etwas von den komplizierten Bewegungen. des Schwertertanzes, den die Jugend zwischen den Waffen der Hochlandtracht graziös und mit einer hinreißenden Geschicklichkeit ausführt. Dort erachtet man die so schwer verdauliche Musik des Dudelsacks als eine wahre Kunst, die höchstes Können von ihrem Spieler verlangt. Es sind diese Schotten, die immer weniger werden, die die wirkliche Atmosphäre den Hochland-Spielen verleihen. Man trifft sie nicht leicht; aber kann sie immer dann herausgreifen, wenn irgendwo plötzlich eine kleine Gruppe in brausenden Beifall bei einer komplizierten Tanzfigur oder einer gewagten Steinstoßkurve ausbricht, die die übrige Masse der Zuschauer kaum beachtet hat.

Das urwüchsige Schwergewicht ist die Primadonna der Spiele. Mit ungekämmtem Haar, in selbstgestricktem Sweater – in Schottland ist die Strickerei ein männlicher Zeitvertreib – im Kilt, so ausgeblichen wie die Fahnen, die in der nächsten Kirche aufgehängt sind, und in Sportstrümpfen, die einfach vor Muskelkraft strotzen, erscheinen diese starken Männer als die wirklichen Schamanen der ganzen Vorstellung, die im Hammerwurf, im Steinstoß und im Pfahlwurf des schweren, am Ende zugespitzten, über zehn Meter langen Fichtenstamms (tossing the caber) gipfelt. Sie, die Tänzer und Dudelsackspieler bestreiten die Wettbewerbe um der Liebe zur Sache wegen oder aus schierer Lust, ihr Können zu zeigen. Die zwei oder drei Spitzenschwergewichte indessen sind allerdings stets Profis, die etwa 3500 bis 7000 Mark während der Saison verdienen können. Da es kaum mehr als „20 starke Männer“ für diese Wettbewerbe gibt, so müssen sie ihre Gastspiele sehr sorgfältig planen. Während die drei ersten Sieger Geldpreise erhalten, bekommt der vierte nur einen Trostpreis, der nicht in Bargeld besteht. Hier liegt übrigens die Erklärung, warum es heute noch in Schottland Wettrennen für Berufsläufer gibt – Gordon Pirie nahm im vergangenen Jahr teil – und warum Schottland in den Schwergewichtswettbewerben auf internationalen Begegnungen der Amateure nur selten vertreten ist. In diesen Laufwettbewerben, bei denen sich die Bergarbeiter aus Figeshire stets besonders hervortun, besteht der erste Preis aus 700 Mark. Buchmacher sind auf diesen Wettbewerben gleichfalls tätig. Es ist nicht selten, daß Studenten aus englischen Universitäten unter angenommenen Namen sich beteiligen. Werden sie herausgefunden, so werden sie sofort suspendiert.