Von Ashwini Kumari

Nichts im Leben Indiens gibt ein besseres Beispiel für sei ne Verschiedenheit als die Probleme seiner Frauen. Fünfzehn Jahre nach der Unabhängigkeit zeigt ihre Situation ein chaotisches Bild von Leistung, Hoffnung, kleinen Gewinnen und, in gewisser Hinsicht, Verzweiflung.

In Bombay strömen aus der Endhaltestelle der Victoria-Bahn in Saris gekleidete Hindus, Moslems und katholische Mädchen zu ihren Arbeitsplätzen in den großen Industriebetrieben und den Regierungsbüros. In einigen Betrieben dieser Stadt sind schon ein Drittel der Angestellten weiblichen Geschlechts. Männer und Frauen, die gemeinsam Zwei-Mann-Geschäfte in schäbigen Treppenhäusern führen, und rauchende Inderinnen ziehen nicht mehr die zweifelnden Blicke der Menge auf sich – wenigstens nicht in diesem Teil der Stadt. Hier scheint es, als übe die geschäftige Aktivität der Frauen der Nation sogar regelrecht einen Druck auf ihre männlichen Partner aus.

Nur sechs Bushaltestellen entfernt von der Victoria-Endstation schlurfen Frauen in Burkhas (Schleiergewändern) durch die Nebenstraßen von Bendhi Bazaar. Türen und Fenster sind männlichen Augen fest verschlossen. Und dann kommt der Stadtteil Byculla, wo man die bunten Überbleibsel der anglo-indischen Glanzzeit findet.

Abgesehen von der Hautfarbe der Menschen, könnte Byculla sehr wohl ein Teil irgendeiner europäischen Hauptstadt sein. Von hier steigt man hinab in das Industriezentrum Parel, in jene Orte, die mit Frauen, die Textilarbeiterinnen geworden sind, gefüllt sind. Hier herrschen 19. Jahrhundert und proletarische Unzufriedenheit. Wohl leben die Pareler in einer modernen Stadt, indessen beachten sie genau die Bräuche des alten Indien, Schläge für die Schwiegertochter eingeschlossen.

Jenseits von Parel liegt Dadar-Matunga, die Gegend des intellektuell bemühten Mittelstandes der Hindus. Dort findet man es modern, die Mädchen aufs College zu schicken (und dennoch diskret am Gängelband zu führen). Hier gibt es studierte Frauen, die die neuesten Nachrichten über britische Gesellschaftsskandale lesen und zugleich scharf gewürztes „Chutney“ auf mittelalterlichen Mahlsteinen zubereiten. Und diesen bemerkenswerten Kontrast kann man sogar in den entlegensten indischen Dörfchen finden. Überall im Lande ist die Ausbildung der Frauen im Aufstieg begriffen, aber unter der Oberfläche brodelt noch immer die Kraft des alten, zu jedem Augenblick bereit, die Uhr zurückzudrehen.

„Die Frauen sind wirklich im Vormarsch, aber es ist eine heftige Schlacht sagt Frau Padmini Gupta, ein führendes Mitglied der Nationalen Vereinigung der indischen Frauen. Seit 1950 hat sich die Zahl der Mädchen, die ländliche Volksschulen besuchen, verdoppelt, in den Mittelschulen sogar vervierfacht. Dies gilt sogar für rückständige Staaten wie Rajasthan und Orissa. In Staaten wie Kerala besuchen etwa 90 Prozent der Mädchen aus den Städten und Dörfern die Schule. Die Zahl der Mädchen, die in Oberschulen gehen, ist um 150 Prozent gestiegen, Colleges haben einen noch größeren Zulauf zu verzeichnen (obwohl die Ausbildung auf der Universität sehr durch die schlechten Unterbringungsmöglichkeiten in den Colleges leiden).