Von Senta Ulitz-Weber

Vor falschen Freunden ist niemand gefeit. Auch Rachel Carson nicht, die mit ihrem Buch „Stummer Frühling“, aus dem wir in ZEIT Nr. 34 und 35 Auszüge veröffentlichten, all denen Wasser auf ihre Mühlen gibt, die aus naturgemäßer Ernährung eine Weltanschauung machen. Der folgende Beitrag widerspricht nicht Rachel Carson, er wendet sich gegen diejenigen, die wissenschaftliche Bemühungen unmodifiziert übernehmen und übertreiben.

Lieber bohren sie sich neue Löcher in die zu eng gewordenen Gürtel... Lieber lassen sie die Ärzte warnen und die Versicherungsrechner jammern: Denn wer richtig rund geworden ist in unseren Wohlstandstagen, hat sich meistens damit abgefunden. Der kämpft nicht mehr, der läßt sich’s ganz einfach schmecken: „Gesundheitswelle...? Nichts für mich!“

Viel ärger aber steht es um das Gros der beinahe noch Normalen. Ein bißchen „stärker“ geworden sind auch sie in der letzten Zeit. Aber schon regt sich Herztodangst: „Man müßte mehr an die Gesundheit denken ...“ – Von zweitausend Bundesbürgern männlichen und weiblichen Geschlechts stießen 720 diesen Seufzer aus. „Vielleicht müßte man die Freizeit besser gestalten ...“, 640 waren dieser Meinung. 320 erinnerten sich eines „ruhigeren und besinnlicheren Lebens“ (hatten sie es jemals kennengelernt?), und 180 hielten eine gesündere Ernährung für wichtig: „Naturgemäß, verstehen Sie...?“

Doch ob das die Interviewer einer westdeutschen Konsumforschungs-Gesellschaft vor jetzt drei Jahren, im Sommer 1960, verstanden, hatten oder nicht: Mit ihrer Prophezeihung, daß eine Gesundheitswelle auf uns zukommen und uns alle – nur die ganz Runden nicht – mitreißt, hatten sie ins Schwarze getroffen. Die Welle schaukelt uns noch immer recht tüchtig.

Zwar ist die Kalorientabelle im Ausgehtäschchen noch nicht Allgemeingepflogenheit geworden; anders als in den USA. Schon aber verlangen wohlsituierte Herren nach einer klaren Brühe ohne fette Augen. Schon ist die Waage zum wichtigen Möbel im Badezimmer geworden, und auf vielen Frühstückstischen wartet als erstes der Saft. Der schmeckt nicht immer, und mancher Magen wehrt sich dagegen. Doch folgsam wird er geschluckt, man möchte doch schlank und jung und gesund sein... Die drei Wünsche werden in den gleichen Topf geworfen.

„Als Ausdruck einer solchen Gesundheitswelle ist es zweifellos anzusehen, daß viele Menschen sich für den Gesundheitswert der Nahrung besonders interessieren und sogar meinen, eine bestimmte, besonders ausgeklügelte Diät müsse die beste Garantie für eine Verhütung aller mit der Ernährung zusammenhängenden Krankheiten sein...“ Klingt nicht Erstaunen aus diesen Sätzen des Direktors des Instituts für Ernährungswissen an der Gießener Universität, des Professors Dr. med. H. D. Cremer?