Die Wahl war nur noch eine Formalität. Ben Bella, der bisherige Ministerpräsident Algeriens, Chef der Staatspartei und einziger Kandidat bei der Wahl, wurde am letzten Sonntag zum Präsidenten der Republik gekürt. Die algerische Verfassung, eine Woche zuvor im Volksentscheid gebilligt, verleiht ihm eine Machtfülle, wie sie sonst nur in totalitären Staaten üblich ist. Algerien hat nun eine Ein-Mann-Führung; das Kollegial-System – ein Erbe des Krieges gegen Frankreich und zugleich auch ein Spiegelbild der verschiedenen politischen Strömungen – hat nicht einmal ein Friedensjahr überdauert.

„Ben Bella ist einer von uns – einer der Führer der Revolution; nicht mehr und nicht weniger.“ So hatten seine Mitkämpfer erklärt, als er im März 1962 aus französischer Haft entlassen worden war. Sie täuschten sich in ihm und in der Situation des Landes. Einen jungen Staat, der aus einem siebenjährigen Freiheitskrieg entstanden ist, dessen Bevölkerung keine politische Tradition hatte, dessen Wirtschaft und Verwaltung gelähmt waren – einen solchen Staat zu stabilisieren, konnte einer in sich uneinigen Kollegialführung kaum gelingen. Ben Bella hat dieses „Gesetz der Stunde“ erkannt und seine Chance genutzt.

So ist es nur folgerichtig, daß Ben Bella nach seiner Wahl erklärte: „In Algerien ist kein Platz für eine Opposition. Jeder Algerier hat das Recht, mich zu kritisieren. Aber dafür gibt es einen festen Rahmen – unsere Partei.“ Innerparteiliche Opposition als Ersatz für eine parlamentarische Opposition also? Es fällt schwer, daran zu glauben. Auch Parteifreunden ist bisher Kritik schlecht bekommen; sie haben am eigenen Leibe gespürt, daß bisher immer noch Ben Bellas Wort gilt: „Es ist eine Illusion, zu glauben, daß es eine Revolution ohne Gefängnisse gibt.“ R. Z.