Von Heinz Maegerlein

In diesem Sommer und ganz besonders in den ersten Septembertagen hat Vichy, die große Kurstadt der Auvergne in Mittelfrankreich eine überraschende Wandlung erlebt. „ Vichy-Capitale europeenne des sports d’été“, „Vichy, europäische Hauptstadt des Sommersports“, so war überall in den Straßen der alten Kreisstadt zu lesen, so tönte es aus den Lautsprechern, so stand es in Schlagzeilen über den Zeitungen. Wer Vichy aus früheren Zeiten kennt, wird sich verwundert über die Augen reiben. Denn Vichy war seit altersher Badestadt, zu deren Heilquellen alljährlich Zehntausende alter Menschen strömten. Vichy, das war der Kurpark, das war das Kasino, das waren die großen, freilich auch sehr altmodischen Trinkhallen, das waren die kilometerlangen Parkwege, das waren die riesigen Hotelpaläste aus dem vorigen Jahrhundert und mit Lüstern, Plüsch und kleinen Badezimmereben. Vichy, das war das Dorado der alten Menschen. Und nun: „Vichy, Hauptstadt des europäischen Sommersports?“ Gewiß, das ist eine charmante Übertreibung, es nimmt wohl auch vorweg, was einst einmal sein könnte, es ist blumig ausgedrückt wie so vieles in Frankreich, aber es ist schon verständlich, daß es zu solch enthusiastischen Lobhymnen gekommen ist. Denn in Vichy ist tatsächlich etwas ganz Neues entstanden. Unweit der alten Stadt, ja, fast noch im Herzen, nur ein paar Steinwürfe weit von dem weitausladenden Thermalbad entfernt, steht heute eine erstaunliche Fülle von neuen Sportanlagen: Tennisplätze, ein wunderschöner Golfplatz, zwei Stadien, eine Pferderennbahn und, als Glanzpunkt, eine zweieinhalb Kilometer lange und fast 200 m breite Wasserfläche – eine ideale Wettkampfstätte für alle Arten des Wassersports, für Ruder- und Kanurennen, für Motorbootmeisterschaften usw. Ihre glanzvolle Eröffnung sollte sie vom 1. bis 8. September mit den Welt- und Europameisterschaften im Wasserskilauf erfahren.

Sie erfuhr sie auch, aber der Glanz blieb aus. Denn das Wetter versagte sich den Wasserskifahrern, die aus 21 Nationen nach Vichy gekommen waren. Wo man leuchtende, in der Sonne glitzernde Wasserfahnen erwartet hatte, eine lachende, strahlende Jugend, so wie sie uns aus den Prospekten von Miami und Waikiki, vom Wörthersee und von Juan les Pins entgegentritt, gab es bis auf den Schlußsonntag, nur Bilder grau in grau: Regen, böige Winde, Kälte – an einem Tag sank die Höchsttemperatur auf acht Grad! – die mehrere hundert Meter langen Tribünen blieben leer, die Kurgäste, die sich gerade durch diese Veranstaltung eine Abwechslung in ihrem Badeaufenthalt erträumt hatten, blieben daheim, die frierenden Wasserskifahrer zogen unter die Kunststoffanzüge wärmende Wollsachen, Regenmäntel und Anoraks waren gefragter als Badeanzüge.

Schade – denn der Schlußtag enthüllte, wie schön die Bilder sein können, die man an allen Tagen hätte sehen können. Und das Programm war so vielseitig, daß die Kämpfe jeweils früh um sieben Uhr begannen und erst bei Einbruch der Dunkelheit beendet waren. Sie brachten großartige Leistungen, harte, oft nur sehr knappe Entscheidungen und vielseitige Wettbewerbe. Der moderne Wasserskilauf, so wie er sich bei dieser VIII. Weltmeisterschaft zeigte, hat ja von vielem etwas: vom Wellenreiten der Eingeborenen auf Hawaii wie vom alpinen Slalomlauf, vom Skisprunglauf wie von den Trapezkünsten in der Zirkuskuppel. Da war der Slalom‚ der auf einem Wasserski gefahren wird, der viel mehr ins Akrobatische weisende Figurenlauf‚ der Sprunglauf und schließlich der neueste Wettbewerb, der Kampf der Männer, die an Drachen hoch über dem Wasser schweben.

Der Slalom ist dabei der eigentliche Wasserskilauf. Bei ihm wurden die Damen in Vichy von Motorbooten mit 51, dann mit 54 und zuletzt mit 57 km Geschwindigkeit pro Stunde über die Strecke gezogen, in der sie außer dem Eingangs- und Zieltor sechs Bojen umfahren mußten. Bei den Herren begann die Geschwindigkeit mit 54 km/h und endete bei 60 km/h. Hier gab es herrliche Bilder, Harmonie der Bewegung, schöner Rhythmus, genaues Berechnen des gerade noch möglichen spitzen Winkels zwischen Wasseroberfläche und Körper und bei den Besten unter den Teilnehmern eine Leichtigkeit und Eleganz vor allem in den höchsten Geschwindigkeiten, die ja bei den entscheidenden Phasen ungleich höher sind als die Geschwindigkeit der Boote und bei 70 bis 80 km/h liegen, daß man hier ohne jede Einschränkung von einem richtigen Sport sprechen kann. Was vor allem der blutjunge, erst vierzehnjährige Weltmeister Billy Spencer aus Florida und die Siegerin bei den Damen, die Amerikanerin Janet Brown, aber auch die Österreicherin Renate Hansluwka und die Schweizerin Alice Baumann hier zeigten, war sowohl in den weiten Schwüngen, die sich durch stärkere Belastung des vorderen Fußes vor allem ergeben wie in den scharfen, kurzen Schwüngen, die durch die stärkere Belastung des hinteren Fußes erreicht werden, aller Bewunderung wert.

Noch erstaunlicher, aber ganz gewiß auch sportlich noch keineswegs ausgereift, stellte sich in Vichy der Figurenlauf, der Kürlauf des Wasserskisports vor. Hier, wo die Teilnehmer in 20 Sekunden alles zeigen müssen, was sie an Kunststückchen beherrschen – Drehungen, Sprungdrehungen usw. – hier staunte man zwar über die gegenüber den vorhergehenden Jahren unschwer festzustellende weitere Verbesserung der Leistungen und der Balancekünste auf zwei und vor allem auf einem Wasserski, aber man sah doch auch, wie nahe verwandt diese Disziplin der reinen Akrobatik ist. Gewiß besteht ein festes Reglement, gewiß gibt eine jede Figur eine bestimmte Anzahl an Punkten, gewiß mühten sich die fünf Richter um eine gerechte Wertung, aber hier ist doch alles noch in den Anfängen, und selbst diese Weltmeisterschaft ließ noch nicht so recht den Weg erkennen, den man hier einmal einschlagen könnte. Auch hier dominierten bei den Herren die Amerikaner, bei den Damen aber gewann die zierliche Französin Guyonne Dalle den Titel.

Attraktiv wie kaum eine andere Disziplin ist natürlich das Wasserskispringen. In weiten Bögen fliegen die Springer hinter den mit 57 km/h Geschwindigkeit geradeaus fahrenden Motorbooten her, holen dann den Schwung aus einem letzten Bogen, fahren die 6 bis 7 m lange und 1,80 m hohe Schanze hinauf und springen dann 30 bis 40 m weit durch die Luft. Auf 45,70 m steht der Weltrekord, den ein Amerikaner hält – 40 m wurde als Höchstweite in Vichy gemessen. James Jackson, USA siegte, Gerhard Rainer aus Österreich wurde Zweiter und damit Europameister, während bei den Damen Renate Hansluwka, Österreich mit einer größten Sprungweite von 26 Metern gewann. Sicherlich waren die Leistungen gut, aber nicht wenige meinten in Vichy, daß das Wasserskispringen doch heute ausschaut wie das Skispringen zu einer Zeit, da die größten Weiten um die 60 Meter herum lagen. Es kann also sein, daß das Wasserskispringen noch einen weiten Weg vor sich hat.