Die Amerikaner haben länger als alle anderen wirtschaftlich entwickelten Länder am Silber als Währungsmetall festgehalten. Dafür waren weniger monetäre Gründe als die Tatsache maßgebend, daß Nordamerika der größte Silberproduzent ist. Silber ist ein Kuppelprodukt, das bei der Verhüttung von Buntmetallen anfällt. Die Produktion von Silber war in den zurückliegenden Jahren größer als der Weltverbrauch, zumal es als Währungsmetall nur noch geringe Bedeutung hatte. Der Silberpreis zeigte deshalb über lange Zeit hin eine sinkende Tendenz. Um die Silberproduzenten zu stützen, nahm das US-Schatzamt Silber aus dem Markt, allerdings weit unter dem Paritätspreis von 129,29 cts je Unze. Dieses Silber diente zur Deckung von Silberzertifikaten – dies sind vor allem die kleinen Dollarscheine. Sie liefen bisher im amerikanischen Zahlungsverkehr wie Scheidemünzen um. Es genierte niemand, daß bei dem niedrigen Marktpreis für Silber die Deckung nicht mehr ausreichte.

Inzwischen hat sich die Situation grundlegend geändert. Silber ist zu einem industriellen Rohstoff geworden. Es wird in der Fotochemie und in der modernen Elektronik in großen Mengen benötigt. Der Jahresbedarf an Silber ist heute mit 9000 t wesentlich größer als die Jahresproduktion mit 6000 t. Die Folge ist eine Silber-Hausse. In den letzten Tagen wurde die Paritätsgrenze erreicht, ja, leicht überschritten.

In Kreisen der Silberinteressenten nimmt man an, daß das US-Schatzamt jetzt Silber aus seinen Vorräten (das sind angeblich 55 000 t mit einem Wert von 1,7 Mrd. Dollar) abgeben wird, um den Silbermarkt zu ordnen und den Preis etwa beim Paritätsstand zu stabilisieren. Banktechnisch und juristisch bietet das keine Schwierigkeiten. Das Schatzamt zieht seit längerer Zeit Silberzertifikate aus dem Umlauf und tauscht sie gegen Federal-Reserve-Noten um. Das Schatzamt kann kein Interesse daran haben, daß der Silberpreis weiter steigt, denn sonst würden die silbernen Fünf-Cent-Stücke aus dem Umlauf verschwinden und von Interessenten eingeschmolzen werden. Von diesen Münzen sind große Mengen im Verkehr. Die Amerikaner brauchen sie für das bei ihnen bedeutsame Automatengeschäft. Die Silber-Produzenten sehen die Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn wird Silber eines Tages zu teuer, dann bemüht sich die Industrie um Ersatzstoffe. Sie würden mit Sicherheit gefunden werden und das Silber für lange Zeit aus dem industriellen Prozeß verdrängen. W. R.