Handelt es sich beim Märchen eigentlich um

die Verdichtung von freundlichen und feindlichen Mächten zu urtümlichen Bildern, von Kräften des Guten wie des Bösen zur prägnanten Gestalt? Oder handelt es sich dabei um Biedermeier-Operetten, welche von ältlichen Damen für die „lieben Kleinen“, besser: für verwöhnte Gören, verfertigt wurden? Schaut man sich die Illustrationen an, mit denen weit verbreitete Ausgaben der Kinder- und Hausmärchen versehen sind, die von den Brüdern Grimm zusammengetragen wurden, so ist kein Zweifel möglich: Es muß sich um die Spiegelung von Verhältnissen’ handeln, die lediglich in „Försterchristl“ und „Walzertraum“ eine Entsprechung finden.

Treten darin Gestalten auf, deren unerschrockener Sinn dem Übel widersteht – einerlei ob Prinz oder tapferes Schneiderlein –, so sind es Rokoko-Kavaliere mit Hollywood-Allüren.

Kommen darin Wesen vor, die einen Leidensweg geduldig und liebend durchhalten – einerlei ob Aschenbrödel oder Gänsemagd –, so schauen sie mit den Kulleraugen von Mickymäusen in die Welt.

Beherrschen Figuren das Feld, die den Menschen ungestüm auf die Probe stellen – einerlei ob Riese oder Räuber –, so sind es ausgediente Landsknechte mit pittoreskem Wams und geschlitzter Hose.

Erscheinen gar jene Ungeheuer, deren Gewalt den Erdenwurm erbeben läßt – einerlei ob Drache oder Butt, ob Wolf oder Erdgeist –, so sind es degenerierte Zwitter, die keiner Katze ein Haar zu krümmen vermöchten.

Beginnen die Tiere zu reden, um das künftige Geschick zu beschwören – einerlei ob Rabe oder Taube –, so tragen sie duftige Petticoats und modischen Schmuck. Und allemal gleichen Häuser, Stadttore, Brunnen und Hütten den Gebilden aus Pfefferkuchen, die findige Zuckerbäcker in der Adventszeit anfertigen. Es versteht sich auch: Zwerge sind stets eine Sippschaft von trotteligen Großvätern.