KIEL (Schauspielhaus):

„Pamela“ von Rudolf Borchardt

Dreiunddreißig Jahre nach der Niederschrift wurde die Uraufführung von Borchardts einziger Komödie ein durchschlagender Publikumserfolg. Überrascht und beglückt quittierten auch die Fachleute einen Fund. Seine Qualität beruht auf einer antiquiert klingenden, aber mitreißend lebendigen Sprache. Das Verblüffendste jedoch: eine deutsche Komödie, deren Hauptfiguren tragische Fallhöhe besitzen. Der Text hätte zur Aufführung das doppelte eines normalen Theaterabends verlangt. In der Kieler Inszenierung von Heinz Schirk war mit sicherem Sinn für Wirkung, aber auch mit künstlerischem Takt aus der Dichtung hervorgeholt worden, was an ihr Theater ist. Borchardt verlegte Goldonis commedia dell’arte „Pamela la Nobile die er für Käthe Dorsch bearbeiten wollte, zurück in das England des frühen 18. Jahrhunderts. Dort hatte schon Goldonis Vorbild, ein Briefroman von Samuel Richardson, gespielt. Der deutsche Bearbeiter vertiefte und erweiterte die Handlung durch neue Figuren. Er machte das ironieüberglänzte Intrigen- und Rührstück zu einer Dichtung, die jetzt Ausdruck von Borchardts eigenem Geist ist: Die bewahrende Macht der Sitte manifestiert sich in einer Leidenschaft, an der zwei Menschen verschiedenen Standes zueinander reifen, die schöne Zofe Pamela und ihr junger Herr, Lord Harry. Dramaturgisch geriet dabei die Titelrolle etwas in den Hintergrund. Um so bemerkenswerter waren die Zartheit und die strahlende Kraft, mit der in Kiel Dagmar von Thomas die Pamela gab. Vorwiegend ist das Stück ein Männerstück geworden. Darin kann ein Schauspieler wie Manfred Boehm als Lord Harry Leidenschaft ausspielen und Formsicherheit bewähren. Die dankbarste Frauenrolle ist der Haushälterin Jefferson zugefallen (Anne Nau). Es spricht für den Autor wie für die Kieler Textfassung, daß die Wirkung des ganzen nicht auf Virtuosen der Schauspielkunst angewiesen ist. – Am selben Abend hatte eine eigene Einrichtung von Hannes Razum in Celle Premiere.

MANNHEIM (Kleines Haus):

„Zwei Männer zum Frühstück“ von Karl Wittlinger

Der Autor des Sensationserfolges „Kennen Sie die Milchstraße?“ hat in seinem neuen Lustspiel zu einer Farce angesetzt. Darin könnten weibliche Lebensschauspielerei und das Klischeevokabular der zu Konversationszwecken benutzten Vulgärpsychoanalyse ad absurdum geführt werden. Aber Wittlinger wollte anscheinend nur eine Boulevardkomödie schreiben, ein handliches Drei-Personen-Stück mit einer Dekoration. So verschenkte er mehrere Ansätze, die in seinem Stoff stecken. Lilith betreibt eine Mannequinschule, möchte selber aber Schauspielerin werden. Für den Dialog Maria Stuarts mit Mortimer’ benutzt sie ein Tonband, das allerlei situationskomische Effekte hervorruft. Auch fehlt es nicht an „Einfällen“. Ein junger Amerikaner, Genie der Chemie, hat einen Bestattungstick und läßt beinahe eine alte Frau spurlos in einer Nährlösung verschwinden. Der andere Mann zum Frühstück will seine Tochter zurückholen, weil er in Lilith die Chefin eines Callgirl-Rings vermutet. Sie bringt ihn statt dessen bis zum Heiratsantrag und wimmelt ihn dann wieder ab. Es fehlt – anders als in Wittlingers „Milchstraße“ – der skurrile Einfall, der das Ganze tragen könnte. Der Autor meint wohl, schon etwas Wesentliches herausgestellt zu haben, wenn er im Weib die Schauspielerin sichtbar macht, die immer spielt und zugleich immer wahr ist, auch wenn das kein Verstand der Verständigen begreift. Dabei gibt es dank Wittlingers treffsicherer Konversationstechnik oft etwas zu belachen. Außerdem eine abendfüllende weibliche Rolle. Doch bedarf sie eigentlich einer virtuosen Schauspielerin. Bei der Uraufführung unter Eric Ode als Gast war Karin Eickelbaum zwar reizend jung, aber im Grunde doch unglaubwürdig. Übrigens hat das Stück keinen Schluß. Jac