Von Peter Fischer

Als am letzten Tag der Edinburger Festspiele eine Eva im Naturkostüm, statt des Feigenblattes einen Fernsehscheinwerfer an sich raffend, über die Orgelempore einer akademisch geheiligten Halle gezogen wurde, während ein lungenstarker Dudelsackpfeifer in seinem schottisch karierten Ornat um die Galerie marschierte und die „Baby Doll“ Caroll Baker in silbernem Pyjama unten über die Stuhlreihen des Publikums turnte – da war das freilich eine Sensation, die den Kongreß internationaler Theaterprominenz zum Schluß doch noch in die populäre Presse brachte.

Aber die eigentliche Sensation dieser sechs Tage war die, daß sich zum erstenmal siebzig bis achtzig Dramatiker, Regisseure, Schauspieler und Kritiker von beiden Seiten des Großen Teichs und sogar des Eisernen Vorhangs unter einem Dach versammelt hatten.

Während heute der Kunstkommerz stärker denn je nivellierend über Grenzen und Meere reicht, Arthur Miller nach Berlin, Max Frisch nach New York und Brechts Dramen nach Indien bringt, ist die verbindende Basis geborsten, gespalten in Stile und Lager.

Wo also laufen heute welche Fronten?

Klar abgesteckt hat auch dieser Kongreß sie nicht – zum Teil deswegen nicht, weil bei Diskussionen eigenwilliger Künstler immer zu viele private Patrouillen und Eskapaden geritten werden.

Mancherlei Aufschlußreiches oder Auffallendes läßt sich dennoch herausheben, darunter die Überraschung, daß die Redeschlacht um die Stilgegensätze im modernen Theater – soziale Predigt und private Phantasie – längst nicht so hitzig geführt wurde wie die, die das Stichwort „Nationalismus im Theater“ entfesselte.