Pacific Palisades, California 1550 San Remo Drive 10. XII. 43 Sehr geehrter Herr Brecht:

Ihren Brief habe ich aufmerksam gelesen. Lassen Sie mich Folgendes darauf erwidern.

Mitte November habe ich in New York in der Columbia University einen politischen Vortrag gehalten. Tausend Menschen haben mir, zugehört, aber, grundsonderbar und wohl echt deutsch, nicht ein einziger der Herren, mit denen ich damals versuchsweise über die Einigung der deutschen Hitlergegner im Exil zu beraten hatte, war darunter. Man hätte meinen sollen, daß wenigstens der Eine oder der Andere von ihnen sich für die öffentlich vorgetragenen politischen Gedanken eines Mannes interessieren würde, den de für berufen halten, sogar für allein berufen halten, jene Einigung zustande zu bringen Keiner war neugierig genug. Wäre aber nur Einer dabei gewesen, so hätten Zweifel an meiner Gesinnung, wie Sie in Ihrem Briefe äußern, nicht aufkommen können.

Ich habe in dem Vortrag zwar eingeräumt, daß eine gewisse Gesamthaftung für das Geschehene und das was noch geschehen wird, nicht von der Hand zu weisen sei. Denn irgendwie sei der Mensch und sei ein Volk verantwortlich für das, was er ist und tut. Dann aber habe ich nicht nur genau all die Argumente gegen die Gleichstellung von Deutsch und Nazistisch angeführt, die Sie in Ihrem Brief gebrauchen, sondern ich habe erklärt, Weisheit in der Behandlung des geschlagenen Gegners sei allein schon geboten durch die schwere Mitschuld der

Weltdemokratien an dem Aufkommen der fascistischen Diktatur, an dem Heranwachsen ihrer Macht und an dem ganzen Unheil, das über Europa und die Welt gekommen sei. Ich habe mich über diese Mitschuld der kapitalistischen Demokratien in Wendungen geäußert, von denen ich kaum erwartet hätte, daß sie geduldig hingenommen, geschweige denn, wie es der Fall war, mit großem Applaus aufgenommen werden würden. Sogar über die blödsinnige Panik der bürgerlichen Welt vor dem Kommunismus habe ich mich lustig gemacht, nicht nur in New York, sondern zuvor schon in Washington in der offiziellen Library of Congress. Ich habe gesägt, daß es uns deutschen Emigranten nicht zustehe, den Siegern von morgen Ratschläge zu geben, wie Deutschland zu behandeln sei, aber ich habe mich auf das liberale Amerika berufen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die gemeinsame Zukunft durch die Maßnahmen der Siegermächte nicht zu schwer belastet werden möge. Nicht Deutschland oder das deutsche Volk sei zu vernichten und zu sterilisieren, sondern zu zerstören sei die schuldbeladene Machtkombination von Junkern, Militär und Großindustrie, die für zwei Weltkriege die Verantwortung trage. Alle Hoffnung beruhe auf einer echten und reinigenden deutschen Revolution, die von den Siegern nicht etwa zu verhindern, sondern zu begünstigen und zu fördern sei.

So ungefähr ging dieser Vortrag, und ich hoffe, Sie und Ihre Freunde entnehmen aus diesen Angaben, daß ich den Einfluß, den ich in Amerika – besitze, keineswegs dazu benutze, um die Zweifel an der „Existenz starker demokratischer Kräfte in Deutschland“ zu vermehren. Das alles hat aber gar nichts mit der Frage zu tun, die mich wochenlang so ernstlich beschäftigt hat, ob der Augenblick gekommen ist oder nicht, ein Free Germany Committee in Amerika zu konstituieren. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß die Bildung einer solchen Körperschaft verfrüht wäre, nicht nur weil Angehörige des State Department sie für verfrüht halten und jetzt nicht wünschen, sondern auch auf Grund eigener Überlegungen und Erfahrungen. Es ist eine Tatsache, und wenn ich mich recht erinnere, wurde sie bei unserer letzten Zusammenkunft ausgesprochen, daß, sobald Gerüchte von einem solchen deutschen Zusammenschluß an die Öffentlichkeit drangen, Beunruhigung und Mißtrauen bei den Epxonenten der verschiedenen europäischen Nationen entstand und daß sofort die Parole ausgegeben wurde, der deutsche Ring, der sich da bilde, müsse gesprengt werden. Tatsächlich besteht nicht nur die Gefahr, sondern wir hätten zweifellos damit zu rechnen, daß unser Zusammenschluß als ein nichts als patriotischer Versuch gedeutet werden würde, Deutschland vor den Folgen seiner Untaten zu schützen. Mit der Entschuldigung und Verteidigung Deutschlands und der Forderung einer „starken deutschen Demokratie“ würden wir uns in diesem Augenblick in einen gefährlichen Gegensatz bringen zu den Gefühlen der Völker, die unter dem Nazijoch schmachten und nahe dem Zugrundegehen sind. Es ist zu früh, deutsche Forderungen aufzustellen und an dar Gefühl der Welt zu appellieren für eine Macht, die heute noch Europa in ihrer Gewalt hat und deren Fähigkeit zum Verbrechen keineswegs schon gebrochen ist. Schreckliches kann und wird wahrscheinlich noch geschehen, das wiederum das ganze Entsetzen der Welt vor diesem Volk hervorrufen wird, und wie stehen wir da, wenn wir vorzeitig Bürgschaft übernehmen für einen Sieg des Besseren und Höheren, das in ihm liegt. Lassen Sie die militärische Niederlage Deutschlands sich vollziehen, lassen Sie die Stunde reifen, die den Deutschen erlaubt, abzurechnen mit den Verderbern, so gründlich, so erbarmungslos, wie die Welt es von unserem unrevolutionären Volk kaum zu erhoffen wagt, dann wird auch für uns hier draußen der Augenblick gekommen sein zu bezeugen: Deutschland ist frei, Deutschland hat sich wahrhaft gereinigt, Deutschland muß leben.

Ihr sehr ergebener Thomas Mann