Berliner Beobachtungen

Von Marianne Eichholz

Wedding, das ist der hellblau gekachelte U-BahnhofLeopoldplatz auf der beinahe persilgepflegten neuen Nordsüdstrecke; das sind die beiden Schinkelschen Kirchen Sankt Paul und Nazareth; das sind Roßschlächtereien unter abgeblättertem Putz verspielter Jahrhundertwendefassaden, sind Mädchen im Unterrock im Fensterviereck, sind die Kaffeestuben, Schuh- und Wollgeschäfte in der goldgräberhaften Badstraße, von denen die meisten wieder eine gute’ Tageskasse machen, nachdem wegen der ausgesperrten Ostkundschaft die Pleite gedroht hatte, sind die vergitterten Wechselstuben. Wedding das ist der drittgrößte Westberliner Bezirk, eine merkwürdig ungegliederte Stadtlandschaft, ein Großstadt-Heuschrecken-Staat, dessen 221 000 Einwohner über sich keinen König haben wie die Brooklyner, die Thomas Wolfe beschrieb.

Wedding – das ist die Bernauer Straße, eine Großstadtstraße, die an der Teilung stirbt oder besser: in einem fegefeuerähnlichen Zustand dämmert, der bezeichnet wird durch Plakate wie: „äußerst reichhaltiges und preisgünstiges Angebot in Andenken“ oder „der Wahnsinn der Tyrannei erdachte die Mauer“.

Wer hat schon den richtigen Ton gefunden, angesicht der Mauer; den genauen und nicht zu beschwichtigenden Ton?

An der Ruppiner Straße das Ehepaar in mittleren Jahren. Die beiden winken. Sie warten auf den Augenblick, wo sich drüben, einen Häuserblock weit weg, jemand im Fenster zeigt.

Ein alter Mann erscheint am Fenster im zweiten Stock, schiebt ein Kissen auf die Fensterbank über den Worten: „Eintritt und Feldstecher frei.“