Hartwig Thieme: „Nationaler Liberalismus in der Krise“, Harald Boldt Verlag, Boppardt; 246 S., geheftet 38 DM.

Die National-Liberalen waren am Ende des Kaiserreichs nicht mehr des Weges sicher, den sie einschlagen sollten. Sie waren eine Partei geworden, in der die Autorität des Herrschers und der führenden Stände des Reiches viel galten. Aber sie wollten nach dem Ideengut, auf dem ihre Arbeit ruhte, auch wieder eine Partei des Fortschritts sein. So fanden Parlamentarisierung und gleiches Wahlrecht auch in ihren Kreisen Anhänger. Daraus ergaben sich mancherlei Auseinandersetzungen.

Die Krise, in die der nationale Liberalismus geraten war, wird eindringlich geschildert in dem Buch von Hartwig Thieme, das sich auf ungedruckte Quellen des Bundesarchivs stützt. Thieme behandelt nur die Geschichte der Fraktion des Preußischen Abgeordnetenhauses 1914 bis 1918. Darstellungen aus der Welt des süddeutschen Nationalliberalismus oder der Reichstagsfraktion würden in Einzelheiten zu anderen Ergebnissen kommen. Gemeinsam wäre- offensichtlich allen solchen Werken, daß in ihnen der Zusammenprall einer dem Neuen zugewandten Gedankenwelt mit den Kräften der Beharrung sichtbar würde.

Die Nationalliberale Partei wollte ursprünglich den nationalen Machtstaat und den liberalen Rechtsstaat in einer höheren Gemeinsamkeit verbinden. Aber im Kriege siegte die Verbeugung vor dem Machtstaat. Die schwerindustriellen und alldeutschen Abgeordneten bestimmten immer wieder, wenn auch gegen beträchtliche Widerstände, den Kurs der Fraktion. Der Mann, auf den sie am liebsten hörte, war ein General: Erich Ludendorff. Es war ein weiter Weg von der Konfliktszeit der sechziger Jahre und dem Kampf gegen den preußischen Kriegsminister bis zum Bündnis mit der Obersten Heeresleitung.

In dieser für den Liberalismus lebensgefährlichen Allianz trat das Verständnis für die Notwendigkeit zurück, sich im Inneren „neu zu orientieren“. Erst zu spät war die Mehrheit der Fraktion bereit, die volle Gleichberechtigung der Arbeiterschaft anzuerkennen.

Erich Weitmar