Agesagt, die Hochschulen sind so viel voller als früher, weil die Studenten so viel länger studieren als früher. Genau das hab ich auch schon immer gedacht, nur andersherum: Wir müssen so viel länger studieren, weil die Hochschulen so viel voller sind. Also, zum Beispiel, jetzt ist es ein Uhr: Halbzeit. Wann hab ich eigentlich heut morgen studiert? Um acht bin ich losgezogen (Ich wohne nämlich auf dem Dorf, weil ich in der Stadt auch nach acht Tagen keine Bude gefunden hatte ) Aber als ich um neun xUhr im Hörsaal ankam, waren schon alle Fensterbretter und Treppenstufen besetzt. Also hab ich das Kolleg im Stehen hören müssen. Mitschreiben hab ich da nicht können, und an alles kann ich mich nicht mehr erinnern, was der Professor Tief gesagt hat. Ich werde also wieder mal das Fräulein Fleißig um ihr Kollegheft bitten müssen, die immer so nette Beine hat, und mir das von ihr abschreiben. Um zehn Uhr bin ich dann ins Seminar gegangen, um das Buch zu lesen, das ich unbedingt für mein Referat am Freitag brauche. Aber da war auch kein Platz mehr frei. Also bin ich umgekehrt, um zu Professor Gross in die Sprechstunde zu gehen. Aber da saßen schon zwanzig andere seit einer Stunde vor der Tür. Da wäre ich doch nicht mehr drangekommen. Denn spätestens um zwölf wäre der Professor bestimmt weggerannt, ;n eine Prüfung oder Sitzung oder was weiß ich. Also bin ich abgeschoben in die Bibliothek, um nach den Büchern zu fragen, die ich vorgestern bestellt habe. Aber da war auch nichts. Das eine Buch war vermißt, das zweite ausgeliehen und das dritte nicht vorhanden, und wegen der beiden anderen Bücher soll ich morgen wiederkommen. Aber ich hab mich erst für das ausgeliehene Buch vormerken lassen und das nicht vorhandene von auswärts bestellen lassen. Bis es da ist, wird wahrscheinlich das Semester rum sein. Aber dann muß ich es halt nächstes Semester noch mal kommen lassen. Kostet ja nicht mein Geld. Jedenfalls war es dann halb elf vorbei. Nun, dachte ich, wenn du noch ein bißchen wartest, dann hat um elf Uhr der Professor Breit seine Hauptvorlesung, dann gibt es vielleicht Platz im Seminar. Ich müßte zwar eigentlich auch in die Vorlesung gehen, aber schließlich ist das Seminarreferat dringender. Tatsächlich hab ich auch diesmal einen freien Stuhl ergattert. Aber als ich an das Fach ging, um das Buch zu holen, war es nicht da. Vielleicht, dachte ich, ist es beim Buchbinder. Denn jedesmal, wenn hundert Leute wie ich das Buch benutzt haben, ist es wieder anstaltsreif. Muß ja auch sein. Aber erst habe ich mich einmal zwischen den Tischen durchgedrückt und mich umgeschaut. Und wirklich, da lag es aufgeschlagen vor dem Kommilitonen Krumm. Ich habe ihn aus seiner Versenkung aufgescheucht und ihn gefragt, wie lange er es noch braucht, und er hat mir versprochen, in einer halben Stunde könnte ich es bekommen. Gut, dachte ich, gerade Zeit, um mir auf dem Sekretariat meinen Stempel zu holen. Aber da standen auch schon wieder lange Schlangen, und als ich drangekommen war, war es beinah zwölf. Schnell zurück ins Seminar. Aber dort war weder Krumm zu finden noch das Buch. Vielleicht hat es ein Pfiffikus absichtlich an einen falschen Platz gestellt, damit es ihm niemand wegschnappen kann. Eigentlich eine gute Idee. Muß ich auch mal probieren. Jedenfalls war es jetzt zwölf vorbei und höchste Zeit, zur Mensa zu eilen. Ich hatte diesmal auch Glück. Die Schlange reichte nur bis zum Treppenabsatz. Eine Minute pro Stufe, pro Meter, nach einer halben Stunde hatte ich meine Bohnensuppe. Ich stellte mich hinter den Kommilitonen, dessen Teller am leersten war, und ein paar Minuten später konnte ich auf seinem Platz meine Suppe löffeln. Das geht ja immer schnell, und jetzt ist es eins, und ich kann meinen Nachmittag planen. Erst werde ich mal sehen, ob der Professor Gross nicht vielleicht doch noch seine Sprechstunde hält, und dann werde ich im Seminar nachsehen, ob das Buch nicht wieder aufgetaucht ist, und wenn das nicht ist, werde ich das Fräulein Fleißig suchen gehen, um mir für eine halbe Stunde ihr Kollegheft feben zu lassen. Also, jetzt ist es eins, und ich in fünf Stunden unterwegs, und davon habe ich fünfundvierzig Minuten studiert, wenn auch im Stehen. Ob das mein ganzes Studium so weitergeht? Dann werde ich halt ein paar Semester zulegen müssen. Die ändern tun es ja auch alle. Und davon sind die Universitäten so voll, wie der Herr Minister richtig gesagt hat. Und davon, daß sie so voll sind, wird wieder das Studium länger, und davon, daß das Studium länger wird, werden wieder die Universitäten voller. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Lieber würde ich ja "früher fertig werden. Aber, wenn ich auf der Universität meine Zeit vertue, so doch wenigstens nicht mein Geld. Der Staat schießt ja pro Jahr auf meinen Kopf soundsoviel tausend Mark zu. Natürlich ist das dumm, und wenn ich der Staat wäre, würde ich dibei pleite gehen. Das müßte man denen da eben eigentlich mal sagen. Mehr Lehrer müßte man einstellen und mehr Bücher anschaffen und mehr Häuser bauen und mehr Universitäten gründen. Aber die werden mir sagen, daß das alles nicht so einfach geht, we ich mir das denke, und daß sie darüber schon beratschlagt haben, wie die Universitäten erst halb so voll waren. Nur, daß sie früher sich darum gestritten haben, wer es bezahlen soll, und jetzt streiten sie sich darum, wer es nicht bezahlen soll. Ob ich mal an meinen Volksvertreter schreibe oder an die Zeitung? Lieber nicht. Ich bin ja nur ein kleiner Mann. Such ich lieber mal erst das Fräulein Fleißig .