Chruschtschow interessierte sich für Belgrads Arbeiter-Selbstverwaltung

Der Arbeiter auf dem Fabrikhof hat sechs Oleanderbäumchen vor sich stehen. Bedachtsam taucht er seinen breiten Pinsel in den Farbtopf und streicht die Töpfe rot an. In der grellen Sonne trocknet die Farbe schnell. Und schnell muß es gehen, denn Bäumchen samt roten Töpfen sollen als Tischdekoration bei der Sitzung des Arbeiterrats mitwirken, zu der sich die ersten Teilnehmer schon im Seminarsaal versammeln. Sie alle sind Betriebsangehörige eines Woll-Kombinats am Stadtrand Belgrads, das den klassenbewußten Namen Oktobarska Sloboda trägt: „Oktober-Freiheit“.

Die Fabrikgebäude machen einen schäbigen Eindruck, für ihre Renovierung ist offensichtlich kein Geld vorhanden. Überraschend modern ist dagegen ein Teil des Maschinenparks. Modern in Farbe und Muster sind auch viele der Stoffe, die hier hergestellt werden, zumeist für den Inlandsbedarf, für den Export in Ostblockländer und nach dem Nahen Osten. Interessenten aus dem Westen genügt die Qualität nicht.

Im Seminarsaal versammelt sich nach und nach der Arbeiterrat, ungefähr 50 Arbeiterinnen und Arbeiter, zusammen mit ihnen der Direktor, der Chefbuchhalter, der leitende Ingenieur, die Vorsitzenden der Partei- und Gewerkschaftsgruppen. Der Präsident des Rats, ein 50jähriger Arbeiter mit klugem, hartem Gesicht, eröffnet die Sitzung. Das Wort erhält der Vorsitzende des Verwaltungsausschusses.

Noch eine Zahlenkolonne...

Ein Mann im Sonntagsanzug geht zum Pult, ein Werkmeister. Ein Jahr lang war er der zweitwichtigste Mann der Arbeiterselbstverwaltung der „Oktobarska Sloboda“. Mit heiserer, stockender Stimme beginnt er seinen Bericht vorzulesen, den Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des Verwaltungsausschusses. Er nennt Zahlen über Zahlen – Produktionsziffern, Rohmaterialpreise, Verkaufsergebnisse, Exportanteile, die Bilanz der Ausgaben und Einnahmen des Unternehmens, Aufwendungen für Investitionen, für soziale Zwecke, für Löhne und Prämien. Die Zahlen rauschen vorüber, viel zu schnell, als daß die Betriebsangehörigen dieEinzelheiten behalten könnten. Die Zuhörer werden sichtlich müde. Einige beginnen private Unterhaltungen. Aber der Redner findet kein Ende. Noch eine Zahlenkolonne, und noch eine...

Dieses Ritual der Rechenschaftslegung vollzieht sich jedes Jahr einmal in allen Betrieben Jugoslawiens. Es sind mehr als 10 000, und da es in jedem von ihnen Organe der Arbeiterselbstverwaltung, Räte und Ausschüsse gibt, ergießt sich ein Zahlenregen alle zwölf Monate über die Mitglieder der Selbstverwaltung. So will es das Gesetz über die Arbeiterräte, das am 27. Juni 1950 von der Skupschtina, dem Belgrader Parlament, verabschiedet wurde.