Als der Rentenmarkt vor knapp zwei Monaten nur zögernd die 400-Millionen-DM-Bundesanleihe aufnahm, schien das Zinsbarometer wieder einmal zu fallen. Unversehens hatten die Pessimisten das Wort und es gab nicht wenige, die den Sechsprozenter, der nun schon seit 18 Monaten am Markt ist, plötzlich gefährdet sahen. Hinzu kam eine gewisse, aber sicherlich berechtigte Verärgerung der Banken und Anleger. Die Banken wurden dadurch schockiert, daß der Bund über die Umgehung seines Bankenkonsortiums in der Placierung eines Teiles seiner Anleihe eigene Wege ging und die Anleger dadurch, daß sie zwangsläufig über die Abschaffung des Halbjahreskupons und die Einführung der jährlichen Zinszahlung einer Verschlechterung der Konditionen hinzunehmen hatten.

Um eine Verteuerung des Kapitalmarktzinses zu vermeiden, wurde dann wieder zu dem schon oftmals angewandten Rezept gegriffen: die Emissionspause. Im August wurden nur noch drei Anleihen aufgelegt, deren Placierung zum Teil allerdings Schwierigkeiten bereitete.

Die Verschnaufpause ist dem Markt gut bekommen: Der sechsprozentige Zins hat den leichten Schwächeanfall offensichtlich bereits überstanden, so daß heute die weitere Entwicklung im allgemeinen wieder recht optimistisch beurteilt wird. Außerdem ist man stillschweigend wieder zur halbjährlichen Zinszahlung zurückgekehrt. Die 100-Millionen-DM-Anleihe der Lastenausgleichsbank war binnen weniger Tage überzeichnet. Fast ebenso großes Interesse fand die darauffolgende 250-Millionen-DM-Anleihe der Deutschen Bundesbahn. Auch sie war lebhaft gefragt.

In beiden Fällen haben aber die Emittenten dem Absatz entscheidend nachgeholfen. Die Laufzeit dieser Anleihen wurde auf die vergleichsweise kurze Frist von nur zehn Jahren festgelegt. Durch diesen Kunstgriff blieben dem Rentenmarkt die früher üblichen Manipulationen über den Zinssatz erspart. Die Emittenten sind also elastischer geworden, sie folgen der jeweiligen Verfassung des Marktes, ohne das Risiko einer Zinsänderung einzugehen. Die Laufzeiten von zehn Jahren – oder auch von 15, wie sie jetzt die Industriekreditbank für ihre 60-Millionen-DM-Anleihe wählte – sind somit nicht anders als die Konzessionen an einen Markt, der allem Anschein nach zwar schon wieder recht stabil ist, aber doch noch einer gewissen Pflege bedarf. Dies um so mehr, als einige Großemittenten bereits in den nächsten Wochen ihre Anleihewünsche realisieren wollen. Gemeint sind damit die Bundespost und der Bund. Bei der Post stehen 200 Millionen und beim Bund sogar 400 bis 500 Millionen DM zur Diskussion. Kein Wunder also, wenn trotz des freundlicheren Klimas vorerst doch noch einige Vorsicht geboten erscheint.

Wenn auch heute noch nicht abzusehen ist, wieviel der Rentenmarkt in diesem Jahr noch aufnehmen wird, so steht doch schon jetzt außer Zweifel, daß das Jahr 1963 einen neuen Rekordabsatz an festverzinslichen Wertpapieren bringt. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres stellte sich der Bruttoabsatz an festverzinslichen Papieren bereits auf stattliche 8,6 Milliarden DM, ein Volumen, das um 2,5 Mrd. DM über dem vorjährigen Halbjahresergebnis liegt. Der Optimismus hinsichtlich eines neuen Rekordes ist schon deshalb vollauf berechtigt, weil bis zur bisherigen Rekordmarke, die 1962 in einem Bruttoabsatz von fast 12 Mrd. DM erzielt wurde, bei Beginn des zweiten Halbjahres nur noch 3,5 Mrd. fehlten. Es müßten schon überaus magere Monate bevorstehen, wenn dieses Volumen bis zum Jahresende nicht mehr untergebracht werden könnte.

Damit rechnen jedoch nicht einmal die Pessimisten, zumal der Absatz festverzinslicher Papiere in jüngster Zeit weit weniger von der Aufnahmebereitschaft der Kreditinstitute abhängig ist. Hinzu kommt das wachsende Gewicht der Tilgungen und – was vielleicht noch wichtiger ist – das bemerkenswerte Kaufinteresse der privaten Sparer, die an festverzinslichen Papieren, namentlich am Pfandbrief, offensichtlich immer mehr Gefallen finden. Nicht von ungefähr stellte denn auch die Deutsche Bundesbank kürzlich fest, daß „immer mehr Sparer jene Ersparnisstufe erklimmen, auf denen die Wertpapieranlage eine zunehmende Rolle spielt“.

Die Banken berichten von einem zunehmenden Interesse ihrer Kundschaft an den sechsprozentigen Emissionen, die bei manchen Anleihen nur teilweise befriedigt werden konnte. Daß in der Kundschaft noch beträchtliche Reserven zum Kauf von Renten vorhanden sein müssen, zeigen allein schon die wachsenden Spareinlagen der Großbanken, die – soweit sich übersehen läßt – in einem Falle bereits die Termineinlagen der Nichtbankenkundschaft überschritten haben. Für die Banken (und auch für die Sparkassen) sind Spareinlagen „interessantes“ Geld, so daß sie sich im steten Zwiespalt darüber befinden, ob sie ihrer Kundschaft raten sollen, statt den relativ niedrigen Zins für Spareinlagen zu kassieren, doch lieber sechsprozentige Papiere zu erwerben oder das Geschäft selbst zu machen, das heißt, die Differenz zwischen dem niedrigen Sparzins und dem höheren Kapitalmarktzins selbst zu kassieren. er