Von Percy Ernst Schramm

Das Dohnasche Schloß Schlobitten, von Carl Grommelt und Christine von Mertens; W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 542 S. mit 10 Farbtafeln und 372 Abbildungen, 70 DM.

Es war nie Mode, zur Erholung und Anregung nach Ostpreußen zu fahren, also etwa den Dampfer in Königsberg zu verlassen, hier historische Erinnerungen aufzufrischen, dann eines der Bäder an der Küste, das Haff oder die Wälder im Süden mit den eingesprenkelten Seen zu durchstreifen und schließlich über Memel oder Danzig zurückzukehren. Dabei wurden die Anreize zum Besuch vermehrt durch die ostpreußischen Schlösser.

Die sogenannten „Königsschlösser“ sind von den ostpreußischen Adeligen so angelegt worden, daß sie die Hohenzollernkönige mit ihrem Gefolge auf der Reise nach Königsberg beherbergen konnten. Ich nenne von ihnen hier nur drei, wie alle anderen nach dem Einmarsch der Russen niedergebrannt: das in den Besitz der Dohnas übergegangene Schloß Finckenstein, zum Hof sowie zum Garten hin ein Bau, der gleichfalls in jede Kunstgeschichte gehörte, und innen ausgezeichnet durch einen braungetäfelten Saal mit silbernem Dekor, den kein Besucher mehr vergessen konnte, auch wenn er noch so viele Barock- und Rokokoschlösser gesehen hatte, ferner das imposante Dönhoffsche Schloß Friedrichstein, dessen Geschichte Marion Gräfin Dönhoff auf Grund des inzwischen vernichteten Familienarchivs in ihrer Dissertation klärte und nach der Katastrophe in ihrem schönen Erinnerungsbuch einem breiten Leserkreis lebendig machte, und schließlich Schlobitten.

Im Falle dieses Dohnaschen Schlosses, das es mit vielen fürstlichen Residenzen des Absolutismus aufnehmen konnte, hat eine Reihe von Glücksfällen es möglich gemacht, jetzt ein technisch mustergültiges, ungewöhnlich reich illustriertes Werk zu publizieren, das die Mitte zwischen historischer Darstellung und künstlerischem Inventar hält, gut zu lesen, erst recht zu betrachten ist.

Die Dohnas, von Haus aus Edelfreie, die in der Mitte des 12. Jahrhunderts mit der Burggrafschaft Donin belehnt worden waren, wichen im fünfzehnten Jahrhundert dem Druck der ihre Territorialgewalt arrondierenden Markgrafen von Meißen und stellten sich in den Dienst des Deutschen Ordens, der deutsche Herren als Söldnerführer ins Land zog. In den Besitz von Schlobitten kamen die Dohnas, die ihren – nunmehr rechtlich entleerten – Burggrafentitel festhielten – 1525, also in dem Jahr, in dem der letzte Hochmeister sich zum Herzog von Preußen machte. Doch ließ dort erst um die Wende vom sechzehnten zum siebzehnten Jahrhundert der Burggraf Abraham, der bisher in Mohrungen residiert hatte, ein Renaissanceschloß bauen. Dieses Schloß genügte, obwohl bereits repräsentativ angelegt, dem Großneffen Alexander nicht mehr, einem Zeitgenossen des baufreudigen Königs Friedrich I., der sich von dessen Baumeister Andreas Schlüter beraten ließ. Denn durch eine Versippung mit dem Hause Oranien und dadurch mittelbar mit dem Hause Brandenburg, nahmen die Dohnas eine Stellung ein, die sie weit über den Provinzadel hinaushob.

Die folgenden Generationen haben sich glücklicherweise damit begnügt, nur kleine Änderungen an dem schönen Barockbau vorzunehmen, so daß die Einheitlichkeit der zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts geschaffenen Anlage erhalten blieb. Aber alle weiteren Geschlechter taten das ihre, um die bereits ansehnlichen Kunstschätze: Gobelins, Bücher, Gläser, Krüge, Zinn, Bernsteinschnitzereien, verzierte Waffen aller Art, Stoffe, Gewänder, Teppiche zu vermehren und die Wände mit ihren Porträts zu schmücken. Auch die Bibliothek wurde ständig vermehrt: bereits 1858 umfaßte sie 55 000 Bände. Was auf diese Weise im Laufe von vier Jahrhunderten zusammenkam, lief daher auf einen Bestand hinaus, der durch Umfang und Qualität manches Provinzialmuseum übertraf und auch viele nichtdeutsche Objekte einschloß.